Autor Thema: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall  (Gelesen 3773 mal)

Mimo2000

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Hallo, ich bin ganz neu hier und ich bitte zu entschuldigen, falls ich was falsch machen sollte. Ich habe bisher noch nie in einem Forum etwas geschrieben. Mein Leben steht seit gestern Kopf. Ich bin fast 40 Jahre alt, verheiratet, aktuell in der 33. Woche mit unserem dritten Kind schwanger. Unsere anderen Kinder sind noch sehr klein. Gestern war der schlimmste Tag in meinem Leben. Mein Mann hat mich mit einem so grausamen, lauten Schrei geweckt, dass ich sofort aufgesprungen bin. Ich hab ihn dann zitternd, nicht ansprechbar, seltsam gurgelnd statt atmend, krampfend auf dem Badezimmerboden vorgefunden. Er hatte noch über Schaum in den Haaren und war aus der Dusche gefallen. Ich hab den Notarztwagen gerufen und  er wurde mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht. Sein Krampf hat circa 5 Minuten gedauert. Danach hat er nur leicht gezittert und geschlafen kurz. Ist dann aufgestanden und war völlig wirr. Er wusste weder wo er ist noch wer ich bin. Meine Kinder haben vieles mitbekommen von der ganzen Sache. Im Krankenhaus wurde er untersucht und es wurde nun eine Epilepsie diagnostiziert, weil das Gehirn auch jetzt nach dem Anfall irgendwelche Auffälligkeiten anzeigt. Er bekam außerdem 12 Monate Fahrverbot. Wir müssen einen Neurologen suchen, der ihn auf Medikamente einstellt. Er ist seit gestern Abend wieder zuhause. Ich hab solche Angst, dass so ein Anfall wieder passiert. ich kann kein Auge zumachen. Ich hab solche Angst um ihn, bzw. dass das wieder passieren kann. Ich hab ehrlich gesagt auch Angst vor ihm, denn dieser Schrei gestern war so schrecklich, dass es mich verrückt machen würde, wenn das neben mir im Bett passieren würde. Er fühlt sich ganz normal. Er sagt, dass er keine Angst hat. Denn er habe ja von allem eigentlich überhaupt nichts mitbekommen. Er kann sich an das meiste was passiert ist  bevor er im Krankenhaus war nicht erinnern. Es muss jetzt so viel organisiert werden und fühle mich einfach wie gelähmt vor Angst und sitze hier und weine und weine. Was kommt denn da jetzt alles auf uns zu? Wir wohnen weit entfernt von der Stadt, sind aufs Auto angewiesen, ich bin hochschwanger, wir haben zwei kleine Kinder, mein Mann muss weit pendeln mit dem Auto zur Arbeit. Er möchte nicht ein Leben lang Medikamente nehmen, das kann ich verstehen, aber ich kann den Gedanken so gar nicht ertragen, dass er vielleicht morgen wieder so einen schrecklichen Anfall bekommt. Ich kann nicht mal neben ihm schlafen ohne Angst zu haben um und vor ihm. Ich sehe den halben Tag diese Bilder und höre den Schrei. Diese verwirrten Augen hinterher. Ich hab sowas noch nie erlebt. Wie gehe ich mit dieser Situation um? Ich brauche Hilfe. Mein Mann auch. Das ist alles so grausam.

Ganz liebe Grüße und vielen Dank, falls mir jemand schreiben wird.


susili

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Re: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall
« Antwort #1 am: 22. Juli 2017, 07:27:47 »
guten morgen mimo, herzlich willkommen hier im forum :)

ja, das ist schlimm, es tut mir sehr leid  :tröst:

deine angst kann dir niemand nehmen. wichtig ist, dass du zur ruhe kommst.

es ist auch für uns schwer, jetzt ratschläge zu geben. da gibt es keinen geheimtip. du respektive ihr könnt euch hier im forum ein bißchen schlau und quer lesen. dazu kommt, daß jetzt wochenende ist und somit ihr keinen neurologen erreichen könnt.

wenn eine epilepsie diagnostiziert wurde, ja - dann wird dein mann jetzt medikamente nehmen müssen, und auf keinen fall (1jahr) auto fahren dürfen.... sollte krank geschrieben werden bzw. sein,

mir tuts sehr leid, und ich würde dich gern trösten, weiss aber nicht, wie ... hmm... sprich mit freunden, der telefonseelsorge....

erst einmal herzliche grüße, susili

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Mimo2000

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Re: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall
« Antwort #2 am: 22. Juli 2017, 10:54:45 »
Liebe Susili, Danke für deine Antwort. Mein Mann hat im seit einem Jahr viel zu viel gearbeitet und war deswegen auch wirklich gestresst. Ich fände es gut, wenn er sich eine längere Zeit krank schreiben lassen würde. Erstmal damit er den Stress los ist und damit wir das neue Leben irgendwie organisieren können. Bei uns steht ein Umzug an und das Baby, ja und jetzt noch Epilepsie. Das ist ja schon im Privatem  viel zu tun. Er ist aber jemand der sich ungern überhaupt krank schreiben lässt. Ich hoffe, dass unsere Hausärztin ihn für mehrere Wochen krank schreiben wird. Es wird wahrscheinlich auch Wochen dauern ehe er einen Termin beim Neurologen bekommen wird, die Ärzte im Krankenhaus haben gesagt dass die Wartezeiten von ca. 6 Monaten haben in unserer Umgebung. Kennt jemand einen guten Neurologen Richtung Winsen, Hamburg? Liebe Grüße und nochmals danke für deine Antwort, Susili

susili

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Mimo2000

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Re: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall
« Antwort #4 am: 22. Juli 2017, 11:21:25 »
Das hilft mir schon sehr weiter. Danke!!!!

Mimo2000

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Re: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall
« Antwort #5 am: 22. Juli 2017, 12:04:41 »
Macht es Sinn direkt Alsterdorf zu kontaktieren ehe ich bei Dr. Bohr und dort in Hamburg  warten muss bis er einen Termin bekommen würde? Ein Gang zum Hausarzt ist dennoch sinnvoll, oder?

susili

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Re: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall
« Antwort #6 am: 22. Juli 2017, 12:27:13 »
beide parallel und so schnell, wie möglich kontaktieren und jeweils davon erzählen, weil es euch ja auf den "schnellsten" termin ankommt.

alsterdorf ist natürlich qualitativ hochwertiger, als der neurologe in der nächsten stadt.

hausarzt ja, der ist für die schnellste krankschreibung wichtig.

und es kann auch sein, daß alsterdorf eine überweisung von einem neurologen haben möchte, die dann von dr. bohr holen, der ist übrigens siehe adresse auf der karte in bahnhofsnähe, und der metronom fährt alle stunde

« Letzte Änderung: 22. Juli 2017, 12:37:09 von susili »
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Muschelschubser

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Re: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall
« Antwort #7 am: 22. Juli 2017, 12:33:13 »
Hallo Mimo, herzlich willkommen im Forum! Jetzt kommen auf jeden Fall eine Menge Untersuchungen auf Euch zu, u.a. ein MRT vom Schädel. Wenn es wirklich eine Epilepsie ist, sollte man schauen, ob es einen Auslöser gibt (z.B. enen Hirntumor). Bei den meisten Epi-Patienten findet man aber nichts, bei mir auch nicht.
Für mich war die Diagnose ein Schock, aber irgendwann geht es dann weiter. Dein Mann sollte sich jetzt UNBEDINGT erstmal krankschreiben lassen, vom Hausarzt. Da geht Ihr am Montag gemeinsam hin und lasst Euch sozusagen beraten. Zwei Wochen ist aus meiner Sicht Minimum. Dein Mann darf sich da jetzt nicht stur stellen. Du bist hochschwanger und er hat einen Anfall gehabt, das muss mal erstmal verdaut werden. Der Friedhof ist voll von Leuten, die unersetzbar waren ... 

Schaut mal auf der Seite www.dgfe.org nach niedergelassenen Ärzten mit Spezialisierung auf Epilepsie in Eurer Nähe (da gibt es eine Funktion, wo man nach PLZ sortiert suchen kann), wobei ich die Tipps von susili schon gut finde, wenn sie aus der Gegend kommt. Und von Alsterdorf habe ich hier auch viel Gutes gelesen.

Dieser Initialschrei ist leider normal bei einem generalisierten Grand-Mal-Anfall. Du brauchst normalerweise keine Angst vor Deinem Mann zu haben. Beobachte seinen Anfall, falls Du einen mitbekommst, wenn Du kannst filme ihn z.B. mit dem Handy. Das kann einem Arzt wichtige Aufschlüsse geben. Wenn der Anfall nicht nach zwei bis fünf Minuten vorbei ist, solltest Du ihm ein Notfallmedikament geben. Ich brauche so etwas nicht, ich habe selten große Anfälle und sie sind sehr kurz. Aber viele haben dann ein Medikament namens Tavor dabei, das die Anfälle unterbrechen kann.
Es gibt viele gute Infos im Netz, z.B. auf der Seite izepilepsie.de und epilepsie-vereinigung.de und such auch mal nach dem Film "Von Ameisen und Anfällen".

Und stell hier einfach Deine Fragen, wir sind keine Ärzte aber Experten in eigener Sache sozusagen.

Viele liebe Grüße von der Muschelschubserin
Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen!

Herzblatt

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Re: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall
« Antwort #8 am: 22. Juli 2017, 17:44:24 »
Hallo Mimo2000,

auch ich kann Dir keine Tips geben und schon gar kein Patentrezept.

Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, es wird wieder besser.

Die Angst vor diesem Schrei, Deinen Mann so zu sehen, ihn so zu erleben, ist völlig natürlich, aber schwer zu ertragen.
Dieses Bild loszuwerden, dauerte bei mir nach dem ersten Anfall, den ich mitbekam, 2 Wochen. Mein Sohn, der damals ca 13 Jahre alt war, hat das wesentlich besser weggesteckt als ich (Nur so am Rande, da Du Dir sicher auch Gedanken um die Stabilität Deiner Kinder machst).

Wenn keine Anfälle mehr kommen, verblassen die Bilder im Kopf und der Schrei in den Ohren. Doch selbst, wenn weitere Anfälle folgen, wirst Du von Mal zu Mal ruhiger damit umgehen können.
Das fühlt sich für Dich jetzt erst mal nicht so an, wird aber so sein. Ihr müsst alle lernen mit den Anfällen umzugehen. Dein Mann, Du und Deine Kinder. Und Ihr werdet es auch lernen. Mit der Zeit.

Ich denke nicht, dass Dein Mann nun für Wochen krankgeschrieben wird. Ich denke auch nicht, dass er das möchte. Es ist einfacher, das Leben so mormal wie möglich zu gestalten. Nicht für die Epilepsie leben, sondern damit, ist jetzt wichtig.

Hamurg Alsterdorf ist sicher eine sehr gute Wahl. Wie Susili schon schrieb, parallel die Klinik und den Arzt, bei beiden einen Termin ausmachen, hinfahren, weitersehen.

Natürlich ist es nicht schön, Medikamente nehmen zu müssen. Doch hierbei führt nunmal kein Weg drum herum. Hier ist es wichtig, das richtige Medikament zu finden, damit Dein Mann ohne allzu große Einschränkungen am normalen Leben teil haben kann und Du und Eure Kinder zur Ruhe kommen könnt.

Noch einmal: die Zeit spielt hier eine ganz große Rolle. Und Euer Umgang miteinander. Redet offen über Eure Ängste und Sorgen, Ihr alle, miteinander, mit den Menschen, mit denen Ihr Euch am wohlsten fühlt. Und seid füreinander da.
Jetzt kommt eine anstrengende Zeit auf Euch zu, aber es wird wieder ruhiger, mit der Zeit.

Ganz viel Kraft und lieben Gruß
Herzblatt
Wer will schon einfach?
Hm, ich, manchmal, ein kleines bisschen...

Mimo2000

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Re: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall
« Antwort #9 am: 22. Juli 2017, 19:59:53 »
Ich möchte mich sehr bei euch bedanken. Es tut gut zu wissen, dass andere verstehen können, wie es sich anfühlt in dieser Situation, in der wir nun sind. Vielen Dank!!!

schlangenlady

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Re: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall
« Antwort #10 am: 04. August 2017, 12:20:42 »
Hallo,

ich kann dich sehr gut verstehen, da mein Sohn mit 2 Jahren auch seinen ersten Grand Mal Anfall hatte. Der zweite war so schlimm, dass ich nach 10 Minuten den Notarzt gerufen habe. In der Klinik wurden dann ein MRT und ein EEG gemacht, wobei beide Untersuchungen ohne Befund waren. Du hattest nun geschrieben, dass im Gehirn Auffälligkeiten gefunden wurden. Das verstehe ich nicht so ganz. Hatte er nur ein auffälliges EEG mit epilepsietypischen Potenzialen oder wurde ein Epilepsieherd im Gehirn gefunden? Warum möchte ihn der Neurologe schon jetzt auf ein Medikament einstellen? In der Regel werden Medikamente erst nach dem zweiten oder dritten Anfall verordnet, weil man abwarten möchte, ob noch weitere Anfälle auftreten. So wurde uns dies zumindest vom Neuropädiater gesagt. Bezüglich deiner Ängste kann ich dir aber leider auch nicht weiterhelfen, da ich diese zwischen den Anfällen auch immer hatte. Du kannst nur hoffen, dass er keine weiteren Anfälle mehr hat oder dass diese weniger dramatisch als der letzte ablaufen. Ich wurde mit der Zeit ruhiger, weil ich darauf vertraut habe, dass das Antiepileptikum hilft.

Sarah Lyn

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Re: Anfall des Ehemannes, meine Angst vor einem neuen Anfall
« Antwort #11 am: 29. August 2017, 00:11:24 »
Liebe Mimo, und alle andern in diesem thread!
Ich bi neu hier und misch mich einfach mal drunter.. ich kann dich sehr gut verstehen, was du gerade alles durchmachst. Mein  Freund hat auch Epilepsie &zurzeit dreh ich manchmal fast durch mit meine Sorgen u Ängsten.. die Anfälle sind ganz unterschiedlich, mal heftig, mal sehr schwach, meist Nachts, ca alle 2 Monate. Jetzt wurde er dieses Jahr gerade operiert, mit vielen voruntersuchunhen, spitalaufenthalten, dann wir sind zusammengezogen vor knapp nem halben Jahr und jetzt gerade werden die Medis angepasst UND einen neuen Job hat er auch angefangen (was ja gut ist ;) ).  Ja viel passiert irgendwie.. aber die Ugewissheit, ob jetzt bald wieder was kommt oder nicht, diese Angst immer, das macht mir scho auch zu schaffen.. obwohl ich weiss a) ich kann nix tun und b) für ihn ist es überhaupt nicht schlimm..
 ich wünsch Dir/Euch, Mimo viel Kraft!! Vielleicht weisst du jetzt ja schon ei  wenig mehr... liebe grüsse!