Autor Thema: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.  (Gelesen 1883 mal)

lichtfang_07

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Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« am: 05. März 2018, 15:14:50 »
Hallo!

Nach der Untersuchung/OP mit den Tiefenelektroden wurde mir nun gesagt das sie 2/3 des Temporrallappens also den Hippocampus und den Mandelkern rechts entfernen wollen, da hier der Anfallsursprung liegt. Ich möchte die Operation auch machen aber man denkt halt auch viel über die Zukunft nach. Meine Ärztin meinte das visuelle Lernen wäre nicht mehr so gut möglich.  :testwall: Im Herbst möchte ich gerne die Matura nachholen und danach studieren, aber jetzt zweifle ich daran ob das überhaupt möglich wäre. :´-( Was meint ihr?

Hat die Operation zur Anfallsfreiheit beigetragen?
Wie ist es euch nach der OP gegangen?


Ich würde mich sehr über eure Erfahrungen freuen! Vielleicht ist auch jemand dabei der komplex-fokale Anfälle hat und im re. Temporallappenbereich operiert worden ist. Aber ich würde mich über jeden Eintrag freuen!  :dance:

Joy

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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #1 am: 05. März 2018, 16:31:29 »
Hi lichtfang_07,

vornweg, bei jedem ist der Krankheits-/Heilungsverlauf anders.

Hast du die Ärztin wegen der Matura schon gefragt?

Mir wurde rechts der ganze Hyppocampus, Teile des Mandelkerns und Teile des Hyppothalamus rausoperiert. Vorher hatte ich komplex fokale und Grand Mal Anfälle, die sind jetzt weg. Leider dennoch nicht anfallsfrei...

Danach hatte ich erst mal Kognitive Schwierigkeiten, das Sprechen musste ich auch wieder neu lernen. Dazu kommen Dinge wie wenig fühlen, schlechte Orientierung/Wege ums verrecken.nicht merken können. Visuell konnte ich aber nichts feststellen. Es hat sich ja außerdem auch ganz viel wieder gebessert mit dem sprechen und denken z.B.
Auf jeden Fall hat es sich gelohnt.

Ich weiß nicht, wie alt du bist. Je älter, desto schwieriger wird das Wiedererlernen der ganzen Dinge. Aber wenn es gar zu riskant ist, dann empfehlen es die Ärzte auch nicht mehr.  Vielleicht kann die Op auch bis nach der Matura warten?

Also wie geschrieben, ich habe zwar noch rechts paar Teile der Amygdala, aber Dinge vorstellen, das geht schon noch, da gibt es ganz andere Probleme, wie das nicht mehr wiedererkennen von Menschen, wenn man sie länger nicht mehr sieht!

Viel Glück für deine Entscheidung!

Lg Joy

Viola M

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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #2 am: 05. März 2018, 19:19:30 »
Hallo lichtfang,
ich hatte vor der OP visuelle Lernschwierigkeiten, bei mir wurde auch eine Amygdalahippocampektomie rechts durchgeführt. Auch ich hatte komplex-fokale Anfälle mit einzelnen GM. 20 Jahre war ich danach anfallsfrei, visuelle Lernschwierigkeiten habe ich seit der OP nicht mehr, auch sonst keine kognitiven oder Sprachprobleme. Wenn es möglich wäre, würde ich diese OP sofort wieder durchführen lassen, auch wenn es natürlich gefährlich war: aber jede OP mit Narkose hat gewisse Gefahren.
Schöne Grüße
Viola

lichtfang_07

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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #3 am: 06. März 2018, 11:09:22 »
Vielen Dank schon mal für eure Antworten.


Joy:
Ich bin jetzt 23 Jahre alt. Die Matura würde 2 1/2 Jahre dauern und danach wollte ich gern Sozialarbeiter werden.  :)
Die Ärztin hat mir jetzt keine direkte Antwort gegeben, sie meinte so auf die Art wenn man es wirklich will schafft man es auch.
Beim mir wird der ganze re. Mandelkern entfernt  :-\ sie meinte aber das das nicht schlimm ist und das man links auch noch einen hat.  :testwall:

Wenn ich noch fragen darf:
Mit wievielen Jahren hattest du deine Operation und wie lange ist das jetzt her? Und wenn ich so frech sein darf, was arbeitest du bzw. wie geht es dir im Berufsalltag damit?


Viola:
Schön zu hören, wie sehr du von der OP profitierst.
Du schreibst ja: "20 Jahre war ich danach anfallsfrei", sind deine Anfälle wieder zurückgekommen bzw. konntest du deine Medikamente auch loswerden?
Mit wievielen Jahren wurdest hattest du die OP?


Man ist sehr hin und hergerissen, ich weiß das ich die OP machen möchte, meine Ärztin hat gemeint wenn ich sie nicht mache, würde es in 10 Jahren ohnehin so sein. Da dann der Mandelkern und der Hippocampus nicht mehr funktionieren würde, durch die ganzen Anfälle. Und das es besser sei jetzt diese Teile zu entfernen, da das Gehirn evtl. besser umlernt.  :escape:


Würde mich über eure Antworten freuen, ich hoffe ich bin nicht zu aufdringlich, aber ich merke es tut mir gut mit jemanden zu reden die selbst das durchmachten.

Joy

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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #4 am: 06. März 2018, 11:55:08 »
Hi lichtfang-07,

kein Problem, deswegen sind wir ja alle hier, weil hier so ziemlich die einzigsten Leute rumlungern, die einen verstehen... :\

Die wesentlichen Funktionen funktioneren schon noch, wenn auch nicht mehr ganz so gut wie vorher. Wurde mit fast 10 Jahren operiert. Der Arzt meinte, da ist eh alles kaputt und es geht nichts mehr, dann kann man es auch gleich rausnehmen. Das ist schon über 15 Jahre her (unglaublich wie schnell man uralt wird :´-() Bin Bürokauffrau geworden, wurde aber ziemlich schnell in Rente geschickt, jetzt bin ich mit schämen beschäftigt. <-( Mit Epilepsie und nur 3 Stunden Arbeit am Tag  will dich so ziemlich keiner mehr und in dem letzten Laden herrschte übelstes Mobbing, dann lieber so, wie jetzt... Hab fast täglich Änfälle und bin dann irgendwie nur noch angefressen davon >:-( Im Berufsalltag dort ging so, aber an Anfallstagen war ich einfach nur ko, daneben, verpeilt, oft genug hat man mir das auch angesehen. Den ganzen Tag müde sein, ist halt doch nicht so super.

lg Joy

Viola M

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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #5 am: 06. März 2018, 12:24:54 »
Hallo lichtfang,
ich wurde mit 27 Jahren operiert, da hatte ich die Epilepsie schon ca. 14 Jahre. Heutzutage würde man nicht mehr so lange warten, da in meinem Fall z.B. der Epilepsiefokus von der rechten Seite auf die linken Seite übergegangen ist und wie du schon geschrieben hast: einen Amygdala braucht man fürs Gedächtnis, daher ist eine zweite OP bei mir nicht möglich, rechts ist ja schon entfernt und bisher ist meine kognitive Leistung bestens. Ohne Medikamente war ich auch nach der OP nie, die Medikamente wurden reduziert bis ich Auren bekam, dann wurde leicht erhöht bis zur kompletten Anfallsfreiheit, damals wurde sehr vorsichtig der Epilepsiefokus entfernt, heute ist die Technik besser.
Ich habe in der medizinischen Forschung gearbeitet, musste also bis zur Rente immer Höchstleistung -auch gedächtnismäßig- bringen, oft waren 10-14 Stunden Tage mehrfach pro Woche ganz normal, aber es war höchst interessant u neben der Familie das schönste.
Ich bin nicht in Rente wegen der Epilepsie, es kam gesundheitlich wieder was anderes dazu, wodurch ich dann in Rente gehen musste.

LG Viola

Charlygirl

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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #6 am: 09. März 2018, 19:55:55 »
Hallo,

ich bin Linkshänder und wurde Linkstemporal operiert. Leider wurde meine Epilepsie eher schlechter durch die Op. Ich hatte vor der Op nur komplex fokale Anfälle. Jetzt habe ich mehr komplex fokale Anfälle und Grand Mal Anfälle sind noch dazugekommen.
Mein Gedächtnis ist auch seit der Op viel schlechter. Manchmal würde ich die Op gern rückgängig machen, aber das geht nicht.
Die Ergebnisse von Epilepsie-Ops sind sehr unterschiedlich. Angeblich liegen die Chancen auf Anfallsfreiheit bei Temporallappen-Ops bei 80 Prozent.
Bei Rechtshändern ist die dominante Hirnhälfte mit Sprachfunktionen und dominanter Gedächtnishälfte links, so dass dann auch in der Regel rechts operiert werden kann. Es ist aber nicht gesagt, dass man keine Beeinträchtigungen durch die Op hat.


Viele Grüße

lichtfang_07

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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #7 am: 16. März 2018, 11:53:41 »
Danke für eure Antworten! Es ist sehr interessant eure Erfahrungen zu lesen und schön zu hören wie manche trotz der anstrengenden Zeit danach von der Op profitieren.  :) Jeder hat seine eigene Geschichte und letztenendes kann ich nur selbst entscheiden. :escape:  Ich versuche mich einfach gut daraufvorzubereiten, körperlich als auch psychisch. Wie ist es euch vor der OP gegangen bzw. hattet ihr irgendwelche Strategien die euch immer wieder Kraft gaben und stärkten?? :luftguck:


lichtfang_07

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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #8 am: 02. Mai 2018, 15:13:10 »
Hallo Leute!

Ich  wurde nun am 20.04.18 operiert, alles ist gut verlaufen und ich bin schon wieder auf den Beinen. Ich hatte bis jetzt keine Anfälle bzw. Auren und ich bin sehr zuversichtlich das es auch weiter so bleibt. Allerdings merke ich das manchmal so ein Gefühl der Befremdlichkeit bzw. Gleichgültigkeit auftaucht. Und ich nicht si wirklich Freude an Dingen verspür. Kennt ihr das auch?? :escape:

Wäre über jede Erfahrung sehr dankbar.  :-)

yossarian

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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #9 am: 02. Mai 2018, 16:42:12 »
Hallo Lichtfang,

ich gratuliere zur gelungenen Operation. Ich hatte bereits geschrieben, dass mir von Ärzten erklärt worden war, dass es nach einer OP auf der rechten Seite zu psychischen Störungen kommen kann. Bei Eingriffen auf der linken Seite kann es eher zu Gedächtnisstörungen kommen.

Vor meiner OP haben mich die aufklärenden Mediziner darauf hingewiesen, dass ich postoperativ schlimmstenfalls emotionslos, gefühlskalt sein könnte. Die Erklärungen darüber habe ich als medizinischer Laie nur zur Hälfte verstanden. Es sind mehrere Punkte genannt worden.

Zum einen soll bei dem Eingriff viel Hirnwasser aus dem Kopf laufen. Bis sich das  wieder regeneriert hat, vergeht eine Weile. Die meisten von uns kennen es von der Lumbalpunktion. Bei dieser Untersuchung wird nur eine kleine Menge Liquor entnommen, trotzdem braucht man eine ganze Zeit, bis man sich davon erholt hat.

Unser Gehirn besteht aus vielen unterschiedlichen Arealen. Diese Vernetzung, die einzelnen Teile, nennt man das „Limbische System“ Es wird bei einer OP unterbrochen und kann zu diesen von dir beschriebenen Erscheinungen führen. So ist es mir erklärt worden. Wenn Du „Unterbrechung des Limbischen Systems“ in eine Suchmaschine eingibst, erhältst Du jede Menge Erklärungen. Alles Gute!

Liebe Grüße
yossarian
« Letzte Änderung: 02. Mai 2018, 16:46:49 von yossarian »
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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #10 am: 02. Mai 2018, 17:04:26 »
Hallo Lichtfang,

ich habe das Gefühl, Du fängst an dich zu treiben. Du möchtest alles sofort und kannst  nicht abwarten, bis Du endlich loslegen kannst. Aus Erfahrung kann ich nur sagen, dass es seine Zeit dauert, und wenn Du dir die nicht nimmst, läufst Du Gefahr, wieder Anfälle zu bekommen.

Nachdem ich mich 10 Tage in der Operationsklinik aufgehalten hatte, habe ich weitere 5 Wochen in einer Rehaklinik verbracht. Als ich dann zu Hause war, konnte ich sofort psychologische Psychotherapie bekommen. So oft und so lang wie ich wollte. Mein psychischer Zustand wurde ganz langsam immer stabiler.

18 Monate nach dem Eingriff ging es mir mental noch einmal recht schlecht. Heute führe ich das darauf zurück, dass mir erst dann bewusst geworden war, was in den Jahren vor dem Eingriff alles passiert war. So habe ich eine weitere Reha über 8 Wochen bekommen. Erst seit dieser Zeit geht es mir richtig gut. Ich kann dir nur empfehlen, dich nicht unter Druck zu setzen.

Herzliche Grüße
yossarian
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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #11 am: 03. Mai 2018, 11:24:05 »
Danke für deine Antworten.
Bei dem Punkt "unter Druck setzten" ist schon was wahres dran. Vor der OP war ich auch schon 1/2 Jahr nur zuhause und es fällt einem die Decke auf dem Kopf. Ich war zuvor/bin immer sehr aktiv, perfektionistisch sei es im Berufsleben oder Privat und das etwas abzulegen fällt mir schwer.
Das ist ein gutes Wort für meine Beschwerden " Emotionslosigkeit" - so fühlt es sich auch an, es macht mir auch Angst und ich muss dann daran denken ob das jemals wieder besser wird und ob das eine gute Entscheidung mit der OP war..  :escape:

Muschelschubser

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Re: Operation: Entfernung 2/3 des Temporallappens re.
« Antwort #12 am: 05. Mai 2018, 17:28:30 »
Hallo Lichtfang, ich bin immer wieder beeindruckt, wie gut yossarian das alles auf den Punkt bringt. Hast Du seinen Tipp angenommen, was eine Psychotherapie angeht? Da ist natürlich auch viel Geduld nötig, einen Therapeuten zu finden und vielleicht auch mehrere in probatorischen Sitzungen auszuprobieren. Aber ich denke, Dir könnte professionelle Hilfe bei der Krankheitsverarbeitung helfen. So eine OP am Gehirn ist ja kein Schnupfen!

Ich habe keine OP hinter mir und kann also inhaltlich nichts beitragen. Ich bewundere den Mut der Operierten...

Viele Grüße von der Muschelschubserin
Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen!