Autor Thema: Gedichte und Gedanken über die Epi  (Gelesen 20353 mal)

Meditester

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #15 am: 22. Juli 2012, 20:30:29 »
Dieses sind wahrscheinlich bei vielen "Neulingen" die ersten Gedanken.
Wie geht es jetzt weiter?

Gerade komm ich vom Arzt. Die Diagnose steht fest.
Doch wer kann mir sagen, wie es sich damit leben lässt.
Meine Krankheit wird Epilepsie genannt.
Bis jetzt war mir darüber noch nichts bekannt.

Wen soll oder muss ich über meine Erkrankung informieren?
Hoffentlich werde ich mich dabei nicht blamieren.
Ich weiß doch nicht, was die Anderen dann über mich denken.
Werden sie mir weiterhin ihre Aufmerksamkeit und Freundschaft schenken?

Viele Fragen belasten mich nun.
Worauf muss ich jetzt achten? Was darf ich nicht mehr tun?
Gibt es noch viele, denen es geht wie mir? Und wie stehen sie zu der Krankheit?
Werden sie von den Menschen akzeptiert oder ernten sie nur Mitleid?

Es drehen sich die Gedanken in meinem Kopf so wie ein Karussell.
Ich hoffe, ich finde Antworten auf alle meine Fragen, und dieses sehr schnell.

 Meditester
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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #16 am: 22. Juli 2012, 20:33:17 »
hey meditester,

sehr schön...  :)
und genau die gedanken getroffen. findet man darauf antworten mit der zeit?

lg linda
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Meditester

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #17 am: 22. Juli 2012, 21:09:09 »
Hallo linda!
So mit der Zeit finden sich die Antworten.
Manchmal dauert es aber etwas länger.

Manchen Menschen siehst Du es gleich an
ob sie Dich mögen oder man von ihnen nicht viel erwarten kann.
Aus Unsicherheit sich so manch einer von uns dann verkriecht wie eine Schnecke in ihr Haus.
Und traut sich die erste Zeit nur noch zögerlich heraus.

Ein Grund ist wohl auch, weil unsere heutige Gesellschaft sehr hohe Anforderungen an jeden Einzelnen stellt.
Und da passt oft ein kränkelnder Mensch nicht in das Bild einer perfekten Welt.

Ich möchte aber auch erwähnen, dieses Forum ist von unbeschreiblichem Wert.
Hier findest Du viele Antworten, und Du kannst Fragen stellen ganz unbeschwert.
Du wirst als neues Mitglied gerne aufgenommen
und kannst von uns gerne Hilfe bekommen.

Meditester


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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #18 am: 22. Juli 2012, 21:11:23 »
sehr schöne worte....
dem ist nichts hinzuzufügen...
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Epi2010

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #19 am: 22. Juli 2012, 23:54:52 »
Meditester, 16.01.2012Gedanken beim Eintreffen der Epilepsie

Gefällt mir leider im Moment noch am besten, das geht echt unter die Haut

Danke und LG Tanja
Ehemann mit fokaler Epilepsie, komplex-fokalen psychomotorischen und sekundär generalisierten tonisch-klonischen Anfällen

Meditester

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #20 am: 25. Juli 2012, 15:15:36 »
Hallo Epi2010!

Wieso schreibst Du gefällt Dir leider am besten?
Wartest Du auf weitere Gedichte?
Ok, dann mal eines zum Thema Kind.

Angst und Ungewissheit

Gerade bin ich mit meinem Kind aus der Praxis des Neurologen gekommen.
Ich fühle mich noch ganz benommen.
Er erzählte uns von der Diagnose Epilepsie.
Wie geh ich nur damit um? Sag mir doch Jemand, wie.

Wo finde ich jetzt Hilfe? Ich fühl mich so allein?
Es kommt mir vor, als läge auf meinem Herzen ein großer Stein.
Wie wird der weitere Lebensweg unseres Kindes aussehen?
Werden ihm viele Hindernisse im Weg stehen?

Was sag ich dem Nachwuchs? Er wird doch fragen?
Es gibt so viele Gedanken, die mich momentan plagen.
Wie werden Familie und Freunde reagieren?
Werden wir unsere unbekümmerte Lebensart verlieren?

Was gilt es nun Besonderes zu beachten?
Zu schön war doch die Zeit als wir noch unbeschwert lachten.
Hilft meinem Kind die verschriebene Medizin?
Oder wird es geplagt von Anfällen auch weiterhin?

Und wie erkläre ich die Krankheit kindgerecht?
Ich hab doch selbst so viele Fragen. Mir wird davon schlecht.
Wo finde ich die besten Informationen?
Kauf ich mir ein Buch? Oder wird sich ein Blick ins Internet mehr lohnen?

Grüße von Meditester




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Epi2010

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #21 am: 25. Juli 2012, 19:30:36 »
Hallo Meditester,

mit dem LEIDER war blöd geschrieben. Tut mir echt leid. In dem Moment war ich ein wenig sentimental.

Ich genieße es immer wieder, zu lesen. Sie bewegen einen zum Nachdenken.

Vielen Dank Tanja
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Meditester

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #22 am: 31. Juli 2012, 19:31:51 »

Ich denke mal, dass ich Einigen von Euch aus der Seele spreche.

Meine Vorwürfe an Dich

Wo kommst Du her?
Warum trafst Du gerade mich?
Konntest Du außer mir keinen Anderen finden?
Siehst Du es gern, wenn mir die Sinne schwinden?

Schon seit Jahren bist Du für mich eine Qual.
Doch ich muss Dich ertragen. Mir bleibt keine Wahl.
Nun, nach vielen Jahren hab ich es kapiert.
Es gibt keinen Tag mehr ohne Dich, auch wenn dieses mich sehr frustriert.

Mit entsprechender Medizin konnte ich Dich anfangs noch bezwingen.
Doch später die Anfälle wieder anfingen.
Und es reichte Dir nicht in nur einer Form zu erscheinen.
In den vielen Jahren kam mir auch oft mal das Weinen.

Dein Auftreten war für mich mehrmals peinlich in der Öffentlichkeit.
Aber Du hast Dich nie gekümmert um Ort Deines Erscheinens oder auch Zeit.
Waren dann meine Verletzungen eine Freude für Dich?
Wieso demütigst Du Menschen so, frage ich mich.

Warum ergibst Du Dich erst nach unzähligem Probieren von Medikamenten?
Macht es Dir Spaß die Ausdauer zu testen bei den Patienten?
Und wann ist Dein Geheimnis entschlüsselt? Geh aus meinem Leben!
Gib Dich geschlagen! Und ich kann meinen Kopf wieder voller Stolz heben.

Meditester



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Birdie

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #23 am: 31. Juli 2012, 19:43:51 »
seufz
 :tröst:
Liebe Grüße
Birdie

Joy

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #24 am: 01. August 2012, 10:39:19 »
Hi,

Ich hau die von meinem Thread mal rein, vielleicht gefällt es euch ja!

Ist ein Anfall wirklich schlecht ?

Sie sah sich selbst im Spiegel und sank. Sank immer tiefer und weiter zu Boden. Raum und Zeit spielten keine Rolle mehr. Ablenkungsmanöver schienen ihre Bedeutung zu verlieren. Für schnelle Gebete fehlten die Worte, jede Hilfe kommt zum spät. Es gibt nur noch dich. Und Sie. Sie ist hier, sie ist jetzt in diesem Moment in dir. Sie ist der Grund dafür, dass du zu Boden gehst, völlig hilflos wirst. Sie ist der Grund dafür, dass wir alles hören und dennoch nichts verstehen können. Sie ist der Grund dafür, alles sehen zu können und dennoch starr und Blind zu sein. Sie ist der Grund dafür, dass dein Körper einem Erdbeben gleich gemacht wird. Sie ist der Grund. sie ist das Elend.
Es kommt dir vor wie Stunden, aber in Wahrheit dauert es nur wenige Sekunden, bis sie dich da hat, wo sie dich haben will. Am Boden. Verzweifelt. Wehrlos. Allein. Krank. Es gibt nichts gutes an ihr. Sie ist abgrundtief schlecht, lästig, widerwärtig und dabei noch so mächtig über dich.

Aber stimmt das denn? Stimmt das denn wirklich?
Ist es schlecht, wenn der Kopf sich von der Spannung löst? Ist es schlecht, wenn der Körper versucht, sich zu "reinigen"? Ist es schlecht, einen Anfall zu haben, wenn du dich Tage danach doch besser und leichter fühlst? Wir verbinden alles schlechte mit den Anfällen und vergessen dabei, dass manche sogar auf einem hohem Gefühl des Glücks landen. Ich habe nicht vor, mich mit der Epilepsie anzufreunden. Habe einfach nicht vor, sie zu akzeptieren und in meinem Leben willkommen zu heißen. Aber ich möchte doch wenigstens versuchen, sie erträglicher werden zu lassen. Ich möchte nicht, dass sie alle Macht über mich gewinnt. Die Schmerzen, die Isolation und die Diskriminierung. Ihr Preis ist hoch. Aber nach all den Jahren, nach über 20 Jahren der Schmerzens der Angst und der Pein bin ich es endgültig leid und werde alles mir möglich daran setzen aus diesem Gefängnis auszubrechen. Vermutlich werde ich ewig hinter Gittern sitzen, da meine Epilepsie ein Schloss ist, das kein Arzt zu knacken weis. Warum aber dann nicht wenigstens die Zellenwände schmücken? Ein bischen Farbe, etwas Licht, das kann auch eine Epilepsie mir nicht verbieten! Warum also nicht anfangen, die Epilepsie als etwas böses zu sehen, die aber auch ihre "guten" Seiten hat? Bei ihr ist es nun mal so, dass ihre Negativen Seiten auffallen, die positiven aber eher nicht!
Vielleicht hassen wir sie viel zu sehr. Vielleicht wehren wir uns zu stark. Oder hast du schon jemals versucht, dich bewusst in einen Anfall fallen zu lassen? Durch die dicke Schicht der Schmerzen, Krämpfe und anderen Empfindungen hindurchzugehen um zu sehen, was danach mit dir passiert? Vielleicht wird dieser Anfall gar nicht zum Status, vielleicht reicht ihre Macht diesmal nicht zum Koma aus. Vielleicht möchte der Anfall selbst dich von etwas wie Verspannungen und Elektrizität befreien, kennt aber nur diesen einen Weg. Jenen Weg, der durch die Schmerzen und Benommenheit führt. Vielleicht tut nicht die Epilepsie uns Unrecht, sondern wir ihr. Was ist denn mit all den Vorurteilen? Wer kann schon Schmerz empfinden, wenn er nicht weiß, was das ist? Ich hatte schon Zeiten, da habe ich so lange geheult, oder war ich so erschöpft, dass in mir alles still war, sich einfach nichts bewegte. Mein Atem tief und gleichmäßig war und mich fast schon so etwas wie Frieden überkam. Ich empfand kein Stress, ich empfand... gar nichts. Ich war fast wie tot, vollkommen lerr in mir drin. Das ist gar nicht mal negativ gemeint, sondern vielmehr, dass ich abgeschirmt war, so erschöpft, dass für schlechte Gefühle der Platz nicht mehr ausreichte. Ich war bei mir, ich erkannte mein "ich". Ich lis mich fallen und wartete ab, was passierte. Und das, was passierte war gar nicht das, was ich erwartete. Es war, wie dieser Zustand, nach denen die kleinen dicken Buddah´s immer streben und mit Inbrust hinmeditierten. Einen Zustand, denn ich umsonst bekam. Wenn ich mich hier also fallen lassen kann, wieso soll das dann nicht auch bei einem Anfall funktionieren? Einfach mal Tee trinken und abwarten, einfach mal spüren, was da genau passiert, was vorallem nach dem Anfall mit dir passiert. Ich weiß, es ist eine gewagte Strategie, aber immer noch besser, als nichts zu tun und sich weiterhin in Angst zu winden und damit noch alles schlimmer werden zu lassen.
Und wer weiß? Vielleicht ändert sich meine Sicht der Dinge auf die Epilepsie eines Tages und ich erlange dadurch meine verloren gegangene Freiheit wieder.
 
« Letzte Änderung: 01. August 2012, 10:53:51 von Joy »

Joy

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #25 am: 01. August 2012, 10:41:57 »
Einfach mal so zum Spass!

Es gibt Zeiten, da denkst du dir nahezu jeden Tag: Warum ich? Warum kann das nicht jemand anderen geschehen. Wieso kann das Krampfen nicht aufhören? Habe ich denn nicht schon genug abgebüßt?

Dir fallen all die wunderschönen Dinge ein, di du hättest tun können, wenn du niemals an Epilepsie erkrankt wärst. Auto fahren, das Abitur bestehen und studieren gehen, mit einem Partner glücklich werden, Kinder mit ihm kriegen und in dessen Kinderaugen deinen eigenen Glanz wieder erkennen. So leuchtend, so froh. So vorüber.

Du musst verstehen, wie es nun mal wirklich ist. Dieses Leben gibt es für dich nicht. Für dich gibt es das Leben, dass aus Angst und Krämpfen besteht und obendrauf eine Menge Verbote mit sich bringt. Ein Leben, dass ein ewiger Kampf werden wird, den du beim nächsten Anfall verlierst und zu Boden gehst.
An solchen Tagen kannst du immer nur an eines denken: Das Leben ist zum ***n, lasst mich in Ruhe, ich hab kein Bock mehr auf nichts und niemanden! Mir fehlt die Kraft für alles weitere...

In der Arbeit habe ich mal einen Kollegen von meinen Anfällen erzählt, als er danach fragte. Ich erklärte ihm, wie meine Anfälle so ablaufen, wie oft sie kommen und wie stark sie sind. Er sagte nur, das er dass zu krass findet und niemals damit leben wolle oder könnte. Aber was sollte ich sagen? Die Hilflosigkeit schrie in mir. Ich hab es eben.
Als ich an diesem Abend nachhause kam, legte ich mir eine Theorie zurecht, die da lautete: Nur die starken Menschen werden krank. Natürlich kann an dieser Stelle jeder einmal laut schreien: Stimmt doch gar nicht, die schwachen sind es, die krank werden! Ich aber bleibe dabei: Nur starke Menschen werden krank. Und die, die krank sterben, geben auf oder sind nun mal alt. Denn wie will der Schwache denn die Krankheit überstehen? Er hat ja gar keine Kraft um dagegen anzukämpfen und sich zu wehren, oder überhaupt auf den Beinen zu bleiben! Wir Kranke aber, tragen diese Kraft in uns. Ein Spruch von Jesus hat mir durch die ganzen schlimmen Jahre geholfen. Ich habe mich daran geklammert, als wäre es der letzte noch vorbeischwimmende Strohalm.
"Gott selbst hat dafür gesorgt, dass ich mir auf die unbeschreiblichen Offenbahrungen nichts einbilde. Deshalb hat er mir ein quälendes Leiden auferlegt. Es ist als ob ein Engel des Satans mich mit Fäusten schlägt, damit ich nicht überheblich werde. Dreimal schon habe ich Gott angefleht, mich davon zu befrein. Aber er hat zu mir gesagt: Meine Gnade ist alles was du brauchst. Denn gerade wenn du schwach bist, wirkt meine Kraft ganz besonders an dir. Darum will ich vorallem auf meine Schwachheit stolz sein. Dann nämlich erweist sich die Kraft Christi an mir. Und so ertrage ich alles, was Christus mir auferlegt hat-alle Misshandlungen und Entbehrungen, alle Verfolgungen und Ängste. Denn ich weis: Gerade wenn ich schwach bin, bin ich stark! (2. Korinther 12; 7-10) Selbst, wenn man nicht an Gott glaubt, so ist es doch schön, diese Worte zu hören und daran zu glauben, dass da immer jemand ist, der dir den Rücken stärkt. Mir zumindest hat es geholfen. Ich hab mit diesem (seinen) "Wort" überlebt. Es war mein Anker und ist es noch.

Doch selbst wenn man Hilfe bekommt, ist es schwer, und erst recht, wenn keiner bei dir ist. Man sieht jeden Tag Dinge vor sich, die man niemals tun darf. Und jedes Mal wirst du erinnert, wie es hätte sein können, wäre die Epilepsie nicht da. Vielleicht wärst du jetzt Anwalt, Pilo, Steuerberater oder Arzt. Vielleicht wärst du berühmt, vielleicht hättest du eine bedeutende Enddeckung gemacht. Ach wie schön die Zeit ohne Anfälle doch war!
Jedoch übersehen wir bei all den grauen, trüben Gedanken 2 ganz wesentliche Dinge.

1. Wir schwärmen noch voller Wohlgefühl von früher, als die Epilepsie noch weit, weit weg war. Aber wäre es nicht viel
    besser, stattdessen von der zukünftigen Freiheit zu träumen? Sich jetzt zu denken, du wärst operiert worden, deine
    Kopfweh wären weg und die Epilepsie ebenso. Schließe die Augen und fühle dieses Gefühl!

2. Jede Krankheit, auch so etwas heimtückisches wie die Epilepsie hält etwas gutes bereit, auch wenns doch sehr
    schwer zu glauben ist.Überleg doch mal, einfach mal so zum Spass, Wie wäre dein Leben ohne die Epilepsie geworden?
    Es stimmt, du würdest vielleicht Vollzeit arbeiten können und wärst mehr belastbar. Du dürftest ohne auf dich
    lauernde Gefahren vom 10 Meter Brett ins Freibad springen. Aber, hättest du die Epilepsie nie gehabt, hättest du
    vielleicht nie erfahren, wen du wirklich zu deinen Freunden zählen kannst und wenn du schon längst hättest
    aussortieren sollen. Einige tolle Menschen (wie die hier im Forum) hättest du niemals kennengelernt. Würdest du
    wirklich auf diese verzichten wollen? Hättest du keine Epilepsie, wärst du nie im Leben so stark, geduldig und
    ausdauernd, wie du es jetzt bist! Hättest du niemals Epilepsie gehabt, hättest du viel weniger Verständnis für deine
    Mitmenschen und wärst vielleicht genauso hohl und oberflächlich wie manch ein anderer.

Hätte ich niemals Epilepsie gehabt, würden meine Eltern mir heute keine Wohnung schenken.

Also denke dir, nur einfach mal so, was du durch deine Epilepsie bekommen hast. Und denke nicht an das frühere Leben ohne Epilepsie. Sonst bleibst du stehen, kommst nicht weiter und erstarrst irgendwann. Denke an die Anfallsfreiheit, die in der Zukunft liegt. Träume nicht nur diesen Traum sondern verwirkliche diesen auch. Du bist der Schreiber deiner Geschichte. Das Leben ob mit oder ohne Epilepsie liegt in deiner Hand. Also schreibe dir dein Happy End!

Joy

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #26 am: 01. August 2012, 10:42:34 »
10 Tatsachen, die die Epilepsie etwas freundlicher erscheinen lassen:

1. Du weißt, wer deine richtigen Freunde sind, die, die dich links liegen lassen, musst du keine Träne nachweinen!
2. Die Krankenschwestern und Ärzte (zumindest die meisten) sind doch ganz nett.
3. Im KH wirst du schön bedient, und musst kein Finger krumm machen.
4. Du bekommst bei einer OP  wahnsinnig viele Geschenke und Genesungskarten (war jedenfalls bei mir der Fall).
5. Du bekommst lauter gute Eigenschaften wie Stärke, Durchhaltevermögen, Feingefühl ect.
6. Du wirst sehr früh selbständig
7. Du lernst, auf dich aufzupassen, was andere mit 50 noch nicht können.
8. Du wirst offener für andere und verstehst sie besser.
9. Du lernst, auf deinen Körper zu hören.
10. Mit der Epilepsie ist man nicht allein, gibt ja noch die anderen Epis!

Joy

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #27 am: 01. August 2012, 10:43:42 »
Warum Vorurteile?

Sprüche wie

"Die macht das doch nur, weil sie Aufmerksamkeit haben will!"
"Die will doch nur eine Extrawurst abkassieren"
"Die ist doch nicht mehr ganz dicht"
"Was will man denn mit so einer Behinderten anfangen, die kriegt doch eh nichts hin!"
"Besoffen oder was?"
und viel weitere bekomme ich ständig zu hören.

Aber warum eigentlich?

Ich bekomme den Anfall auch, wenn grad niemand blöd um mich rumsteht.
Ich würde es vorziehen, gesund zu sein anstatt z.B. die Vorteile vom SBA zu geniesen!
Denken kann ich genauso gut wie andere auch.
Alkohol habe ich mir so ziemlich abgewöhnt.
Und wer verdammt nochmal hat überhaupt dieses Gerücht in die Welt gesetzt, wir könnten nichts leisten?

Wir sind genauso oft krank wie die "normalen" auch. Ich persönlich habe nicht öfter als 2 Mal im Jahr einen Schnupfen oder Husten. Nur bei den Anfällen brauchen wir eine Auszeit. Zugegeben, da lassen wir uns dann des öfteren nicht blicken aber hey, wir sind trotzdem noch imstande, Leistung zu erbringen. Besser noch, wir leisten mehr als ihr! Wir haben Anfälle die uns töten könnten und trotzdem stehen wir wieder auf und machen weiter. Ihr, die so ***e über uns labert, habt uns gar nicht verdient. Aber nein, ihr denkt und sagt immer noch, dass wir schlechter sind als ihr. Dabei braucht ihr uns so sehr. Denn der Starke ist nicht mehr stark, wenn es keine Schwächeren mehr gibt!

Wie eine Fußmatte benutzt ihr uns. Aber wartets nur ab, irgendwann schlagen wir euch schon in die Flucht. Einmal werdet auch ihr schwach und krank sein. Wir werden euch dann aber keine Träne nachweinen. Denn während ihr  euer Glück auslebt, haben wir Tag für Tag ein Überlebenstraining absolviert. Und darauf können wir stolz sein. Wir wissen, wie man sich wehrt. Und ihr? Was habt ihr dann vorzuweisen wenn ihr alt und grau seid? Uns habt ihr immer ausgelacht und jetzt steht ihr selber krank und hlflos da!

Denkt dran, denkt heute schon dran. Akzeptiert uns und lacht uns nicht mehr aus. Eines Tages werdet auch ihr krank sein. Wir werden dann wissen, was zu tun ist. Ihr aber werdet nicht die leiseste Ahnung davon haben, wie man in die Zukunft sehen soll! Wer ist schon stark , der andere auslachen und schlecht machen muss, um sich selbst einen Funken besser zu fühlen? Ihr seid wahrlich keine starken Menschen. Nein, das sind wir, Tag für Tag!

Joy

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #28 am: 01. August 2012, 10:46:21 »
Um Weihnachten rum geschrieben:

Mein Wunschzettel an die Epilepsie

Ich wünschte, du würdest mich des Nachts mal wieder ausgehen und feiern lassen!
Ich wünschte, du würdest mir erlauben, Auto zu fahren!
Ich wünschte, du würdest mich unter Menschen kommen lassen!
Ich wünschte, du würdest mich nicht diesen wahnsinnigen Konzentrations-Kontroll-Beobachtungszwang aussetzen!
Ich wünschte, ich müsste mich nicht ständig vor deinen Angriffen verstecken müssen!
Ich wünschte, mir wäre nicht immer schwindlig und schlecht vor und nach deiner Ankunft!
Ich wünschte, du würdest mich nicht so hassen und mir das Leben so schwer machen!
Ich wünschte, du würdest mich nicht an einer so kurzen Leine halten!
Ich wünschte, du würdest mich endlich mal wieder angstfrei schlafen lassen!
Ich wünschte, du wärest endlich weg!

Was hast du gegen ein wenig Party, Alkohol und Spass am Leben?
Willst du keinen Spass haben?
Oder hast du denn schon, wenn du dich an mir vergreifst?


Was hast du gegen das Autofahren?
Ist doch cool, die Autobahn schnell durchzufahren!
Hast du etwas gegen die Hektik?
Willst du nicht auch mal aus dieser Stadt raus ohne ein teures Zugfahrtiket kaufen zu müssen?


Was hast du gegen die Gesellschaft?
Bist du so gern allein?
Willst du nicht auch mal dieses Zusammensein, Vertrauen und Unterstützung untereinander erleben?


Was hast du gegen die Unbeschwertheit?
Willst du nicht aucheinmal einfach nur in den Tag leben ohne diese ganzen Zwänge von irgendeiner Seite?


Was hast du gegen die Menschen, dass du die einen in dennen du dich austobst so verletzt und dennen, die dich sehen so vor dir erschrecken?
Willst du nicht auch einmal dazugehören und anerkannt werden?


Was hasst du gegen mich, dass du diese vielen unangenehmen Gefühle in mir hervorrufst?
Willst du nicht auch endlich Waffenstillstand schließen?


Was hast du gegen mich, sag mir doch was es ist, was hab ich dir angetan, dass du mich täglich angreifst?


Was hast du gegen eine längere Leine? Können wir nicht einen Kompromiss schließen?
Z.B. aus dem tagtäglich bis alle zwei Tage eine Woche draus werden lassen?
Willst du dir nicht auch mal eine Pause gönnen?

Warum geht dir der Schlaf so gegen den Strich?
Warum kommst du neben den Tag auch noch in der Nacht zu mir und besuchst mich in meinen Träumen?


Was hast du gegen das Gefühl der Sicherheit?
Fühlst du dich denn sicher?
Und wen ja, was hat dich so mächtig gemacht?
Macht macht mitunter auch einsam, willst du einsam sein?
Willst du gar kein Herz haben?


Wieso bleibst du solange in mir?
Kannst du dir dein Zuhause nicht woanders suchen?
Willst du die Welt da draußen gar nicht kennenlernen?
Hau endlich ab!


Ich hoffe auf Erfüllung!

Joy

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Re: Gedichte und Gedanken über die Epi
« Antwort #29 am: 01. August 2012, 10:47:16 »
Nicht von dieser Welt

Sie ist nicht von dieser Welt. Ihre Schläge findest du sonst nirgendwo. Sie kommt ganz still und heimlich und verlässt dich mit einer Wucht, als wütete ein Tornado in dir. Dabei war es nur sie und hinterließ als Abschiedsgrüße die Schmerzen, die Gewissheit, dass sie schon bald wiederkehren wird. Doch auch die Angst hat sie da gelassen. Du brauchst eine Weile, bis du mit deinem Geist begreifen kannst, was da gerade geschehen ist. Der Kampf gegen diese große Macht, das Wettrennen zwischen *** und Herrin, du hast es verloren. Schon wieder. Kannst du jemals gewinnen? Es ist wie im Film Anatomie, der Kampf um das Überleben beginnt. Doch nicht ganz fair. Sie hat dir bereits Schaden zugefügt, dir Kraftlosigkeit eingeflößt. Du fällst vor ihr auf die Knie und sie stellt die Spielregeln auf, wohlwissend, dass sie dir 10-mal überlegen ist. Wenn du es bis zur nächsten Tür schaffst,  bist du frei, dann darfst du gehen. Schaffst du es aber nicht, so gehörst du mir. Geschwächt robbst du dich zur Türe. Sie feuert dich an. Joy, Joy, Joy, ja, du schaffst es... Du kannst die Tür sehen, Hoffnung überströmt dein Herz. Die erste Hand erreicht schon die Schwelle der Tür als sie plötzlich nach deinem Fuß greift und dich grob nach hinten zieht. Leider nicht geschafft Joy, deine Zeit ist um! höhnt sie und grinst dabei ihr schönstes lächeln. 2-3 Stunden oder länger fällst du nun in ihre Ungnade. Der Preis für deine Freiheit, er ist viel zu hoch. Sie ist stark, du bist schwach. Sie ist groß, du bist klein. Sie ist unsichtbar, du bist nur ein Mensch. Könnte ich sie doch nur aus mir heraus prügeln oder sie sonst wie loswerden. Von ihr werde ich Tag für Tag gequält und ist sie einmal nicht zugegen, so tut doch die Angst ihr übriges, um mich in diesem Gefängnis festzuhalten. Selbst die Menschen spotten schon über mich. Hosenpiesserin, Hampelmann, Zappelliese, Behinderte, gestörte, dumme. Epileptiker sind gänzlich unbeliebt und doch haben wir viele Namen. Die anderen- sie sagen ich mache das extra- wie können sie das bloß behaupten, diese ahnungslosen Menschen. Ich leide Höllenqualen, Qualen, die nicht von dieser Welt sein können und sie sagen ich möchte nur Aufmerksamkeit. Diese verdammte Krankheit will mir alles nehmen. Meine Familie wandte sich von mir ab, meine Freiheit nahm sie mir ebenso genauso wie die Hoffnung. Doch eines konnte sie mir noch nicht rauben. Meine Träume. Ich träume davon, dass sie mal nicht da ist, Träume von einem Leben ohne Sie. Ich träume davon, dass mir einmal all die Jahre meiner Krankheit die sie mir gestohlen hat, auf irgendeine Weiße wiedergegeben werden. Ich träume von einem Leben ohne Ketten, ohne Fesseln. Von einem Leben ohne Angst, ohne die Angst sich jedes mal wieder verstecken zu müssen, wenn sie dich überfällt, um wenigstens den Blicken und den Spott der Menschen zu entgehen, Ich träume davon, so angenommen zu werden, wie ich bin. Aber ich glaube, das alles wird wohl für immer ein Traum bleiben. Ich sollte endlich aufwachen und sehen, wie mein Leben nun mal ist. Die Epilepsie ist meine Herrin, ich bin versklavt. Ich bin ihr hilflos ausgeliefert!

Das dachte ich früher (der Text besteht schon ewig und drei Tage). Wir dürfen unser Leben nicht nach der Epilepsie ausrichten. Wir dürfen nicht auf jedes Verbot hören und befolgen, dass uns die Ärzte auferlegen(was nicht beseuten soll, dass wir wieder Auto fahren dürfen!!!). Denn wenn wir das tun, wenn wir alle Verbote einhalten und uns ganz nach dieser Krankheit ausrichten, haben wir dann noch ein Leben? Wenn wir das tun, dann räumen wir der Epilepsie einen großen Platz in unserem Leben frei und überreichen ihr quasi das Zepter, den Stab der Macht über uns Leben. Und wir werden neben ihr schrumpfen, bis wir irgendwann ganz klein sind, zu klein um gegen sie vorzugehen!

Die Epilepsie ist nicht direkt das Problem. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, doch beim näheren Hinsehen, sind wir es selbst. Wenn wir zu sehr auf unsere Krankheit hören, ver***n wir uns selbst. Sicher, es ist interessant, zu sehen, was mit uns passiert, aber auch unangenehm. Irgendwann ist nur noch der eine große Gedanke in deinem Kopf. Tag für Tag, beinahe jede Minute: Wann kommt der nächste Anfall und wie wird er ablaufen, was wird er mit mir alles anstellen?

Wir müssen es irgendwie schaffen, uns davon abzugrenzen. Die einen hören Musik, treffen sich mit Freunden, die anderen stürzen sich in die Arbeit und gehen als gesunden Ausgleich shoppen.
Es ist schwer, aber vielleicht sollten wir uns einfach mal einreden, dass die nächsten Tabletten helfen? Mit genug Glaube kann auch ein Platzebo etwas wert sein!

Und dann, wenn unser Glaube stark genug ist, zerspringen unsere Ketten, fällt unsere Angst ab wie allein.
Und wir können auf das Tor zugehen, hinter dem sich die Freiheit verbirgt!

Wünsche euch allen ein wunderschönes Weihnachtsfest und besinnliche Feiertage mit möglichst wenig Anfällen (hatte letztes Weihnachten aber auch eiskalt nen Anfall, mal sehen was dieses Jahr los ist!)