Autor Thema: Hilfe! Ich werde (begründet? unbegründet?) verrückt vor Angst.  (Gelesen 1611 mal)

Sportskanone95

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Hallo ihr Lieben, bisher bin ich hier eher sporadisch unterwegs und indiesem Themenbereich kenne ich mich noch gar nicht aus. Ich schätze aber mein derzeitiges Befinden passt in dieses Feld der Epi.
Zusammenfassung:
einige Monate Abscencen, die im Nachhinein erst identifiziert worden
Grand-Mal-Anfall (in der Öffentlichkeit)
Diagnose Hirntumor
Erfolgreiche OP, vollständige Entfernung des Tumors, beste Prognosen (war der gutartigste Hirntumor)
EEGs seitdem komplett (!!) unauffällig, eine deutliche Aura aus der Magengegend(mit Zusammenbruch in Öffentlichkeit)
Derzeitige Medikation: 200mg Lamotrigin+500mg Levetiracetam (da ich gerade im Urlaub kleine Vorfälle habe 500mg Levi wieder morgens dazu)

Aber ich komme trotz der einwandfreien EEGs und der tollen Prognose nicht zur Ruhe
In der letzten Zeit habe ich das Gefühl (?) wieder total viele Deja-vu-Momente zu erleben. Wie früher die Abscencen. Sowieso habe ich so eine enorme Angst davor, wieder einen großen Anfall zu bekommen. Immer wieder die Gedanken, was, wenn es hier passiert. Kommen Rettungskrafte durch. Ist das nicht ein blöder Ort hier, wo ich allem anderen die Stimmung versaue. Was denken sie von mir?

Ich bin ständig auf der Hut und voller Kontrolle. Ich lasse überhaupt nicht los, weil ich denke, dann passiert was. Bin völlig angespannt und voller Angst.
Jetzt noch die Deja-vues. Pure Angst und einhergehend mit diesen Auren die Fragen:
Ist das gerade real?
Bin das wirklich ich? Hier auf dieser Erde? Oder ist das hier alles was anderes?
Bin ich gleich wieder weg?
Ich drehe echt durch. Manchmal möchte ich mich am liebsten irgendwo abgeben, in einer Klinik oder so und die komplette Verantwortung für diese Krankheit (obwohl ich sie evtl tumorbedingt) nicht für immer habe).

Ich weiß nicht, was ich glauben, fühlen, machen soll! Ich arbeite so viel an und mit mir. Ich bin wirklich aufgewacht und habe bereits vieles verändert und bin mittenim innerlichen Prozess.
Ich kann nichts mehr aufhalten von diesen Gefühlen, aber diese Angst...
Und die teilweisen PA, dann kann ich nicht ruhig sitzen. Weil es damals in dem Moment passiert ist. Mein Zwerchfell ist immer noch angespannt von dem Schock vor einem 3/4 Jahr.


Meine Frage:
Hat hier irgendjemand Erfahrungen, Tipps, Tricks, Techniken? Konnte jemand seine Angst annehmen und sich mit ihr befreunden? Sind es wahre Auren oder eingebildet?
Wie geht ihr mit eurer Angst und den Auren/Anfällen um? Könnt ihr loslassen?

Vielen, vielen Dank im Voraus, liebe Grüße und sorry ffür den Text und mein ganzes "abladen" (das musste wohl mal raus)
Selina (20)
« Letzte Änderung: 11. Juli 2016, 17:43:23 von Sportskanone95 »

Iggy

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H Selina,

 :tröst:, du hast ja eine ganze Menge zu tragen, da ist es kein Wunder wenn du dem entsprechend auch Gefühle hast. Hast du mal mit deinem Neuologen gesprochen? Diese Gefühle und Deja-vues könnten ja auch Anfälle sein. Ich kenn mich nicht so genau aus mit so was, meine aber, mal davon gelesen zu haben.

Bei echten PA gibt es zwei Methoden die ich anwende wenn ich merke dass die Angst kommt. Erst versuche ich mich auf meine Atmung zu konzentrieren, dann darauf wo ich bin, und dass mir da nichts passieren kann.

1. Wenn du z.B. Angst hast und denkst die Rettungskräft kommen nicht durch - mach dir klar dass sie immer durchkommen, deswegen sind sie ja Rettungskräfte. Du kannst auch Bekannte soweit über Anfälle aufklären, dass sie, sollte es zum GM kommen, das Wichtigste was zu tun ist, wissen.

2. Notiere dir Telefonnummern von Menschen die dir helfen können wenn dir was passiert. Wenn du große Angst hast kannst du sie anrufen, oder sie werden angerufen wenn dir wirklich was passieren sollte. Du kannst einen kleinen Zettel einstecken und es dazu schreiben.

Ich kann gut verstehen dass du dich manchmal am liebsten in einer Klinik abgeben möchtest, du möchtest einfach Hilfe bekommen. Ich meine, für die Krankheit bist du sowieso nicht verantwortlich. Vielleicht kannst du dir ja therapeutische Hilfe suchen, dann mußt du nicht mehr alles alleine tragen.

Ich drück dir die Daumen dass sich deine Situation bald bessert, glg Iggy
***komplexe Temporallappenepilepsie die mit Levetiracetam behandelt wird ***

Muschelschubser

  • ... schreibt sich die Finger wund im Epi-Netz.
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Hallo Selina, dafür ist das Forum ja auch da, dass man hier ganz offen seinen "Kram abladen" kann. Ich finde die Tipps von Iggy gut.
Ergänzung: Besorge Dir einen oder mehrere Notfallausweise (gibt es z.B. von Desitin), wo drauf steht, dass Du Epi hast, welche Medis Du nimmst, wer benachricht werden sollte ... und dass man Dir etwas weiches unter den Kopf und nichts zwischen die Zähne schieben sollte, wenn Du krampfst (falls Du krampfst). Ich habe drei Stück ausgefüllt, einen im Portemonnaie, einen im Hauptnotizbuch und einen beim Perso (habe ich nicht im Portemonnaie, daher eben der Extra-Platz), damit vielleicht einer gefunden wird im Zweifelsfall  :)

Wir wachen damit auf und gehen damit ins Bett, dass ein Anfall passieren könnte. Das ist die Angst, die alle Menschen mit Epilepsie haben. Aber es muss keine Panikstörung daraus werden. Bei mir ist abends viel Dankbarkeit, wenn ich anfallsfrei geblieben bin. Das macht mich persönlich gelassener. Schau auf alles, was gut gelaufen ist bei Dir. Das ist doch großartig: Du hattest den Mut, Deinen Hirntumor operieren zu lassen. Es geht Dir besser seither. Das soll jetzt nicht läppisch klingen.

Liebe Grüße von der Muschelschubserin
Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen!

ruth-etc.

  • Gast
Hallo Sportskanone95

Ohje, wenn ich deinen Text so lese erinnert mich das so ein wenig an mich, als mich Ende 2007 plötzlich ein Kollege angesprochen hat was denn bei mir abgeht. Das was er mir beschrieb löste auch bei mir ein heftiges Deja-vu aus, welches aber kein Anfall war. Nein, er beschrieb mir ein Anfallsgeschehen. 2 Tage später kam er erneut auf mich zu und meinte daß das schon wieder passiert wäre. Ab da war es vorbei. Ich verlor komplett meine innere Ruhe und ständig schossen mir Gedanken durch den Kopf... Wohl oder Übel musste ich nach Rücksprache mit meiner HÄ dann doch wieder einen Neurologen aufsuchen. Brachte kaum ein Wort raus, vielleicht wollte ich auch nicht? Doch ich sagte ihm daß ich Hilfe brauche, denn so könnte ich nicht arbeiten, weil ich derart unruhig wäre daß ich auf der Stelle Samba tanzen müsste. Da er Nervenarzt ist (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie), gab er mir eine Packung mit Tabletten (Risperdal) und sagte die solle ich jetzt mal nehmen bis sie alle sind. Waren 20 Stck., Beipackzettel nahm er raus, und mich dann wieder melden. Ich müsste jetzt erst mal runter und zur Ruhe kommen. Morgens und Abends jeweils eine Halbe. Habe ich gemacht. Das Zeug war der Hammer! Schon am zweiten Tag war ich die Ruhe selbst und mein Kopf auch. Wirklich traumhaft! Wir haben im Betrieb echt viel gelacht, weil meine männlichen Kollegen schneller nervös wurden als ich! Mir war alles egal, alles locker, alles easy.

Als ich dann nochmal zu ihm bin konnte ich auch in Ruhe mit ihm sprechen. Meine innere Ruhe hatte ich in dem Sinn wieder, nur die Aussetzer waren geblieben, leider sogar mehr geworden. Das alles fand ich dann auch nicht so gut, weil er mich erneut auf AE's einstellte. Erst Lamo, nur kurze später Keppra dazu. Aber es nützte ja nichts. Hauptsache es hat geholfen.

Grüße, Ruth

LadyCaro

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Re: Hilfe! Ich werde (begründet? unbegründet?) verrückt vor Angst.
« Antwort #4 am: 15. August 2016, 15:01:11 »
Liebe Selina, ich hatte in letzter Zeit auch in vielen Momenten voll die Angstgefühle, dachte zB beim überqueren einer Straße, alle Fahrer in ihren Autos mich sehend "was, wenn ich hier einen Anfall bekomme?" Habe komplex-fokale oder auch die furchtbaren Auren, fühlt sich auch so an, wie Du es beschrieben hast. Ich habe jedoch entschieden, diese Angst abzulegen, sie sein zu lassen. Denn ich las einen wunderbaren Spruch hierzu von Montaigne: "Wer sich fürchtet davor, zu leiden, leidet bereits - weil er sich fürchtet."
Genau so ist es. Wir dürfen keine Angst haben vor dieser Krankheit & den Leiden, die sie mit sich bringt. Immer bewusst sein: Auren, unwirkliche Gefühle gehören zu Epilepsie wie Husten & Schnupfen zu ner Erkältung ;) nicht verunsichern lassen, sondern die Stirn bieten. Das gibt Stärke und fühlt sich zweifellos besser an.
"Wer immer Angst hat, wird täglich bestraft." Genau so ein richtiger Spruch!
Viel Erfolg wünsch ich Dir! LG von Caro