Autor Thema: Ausbildung Tischler  (Gelesen 1366 mal)

Butterblume1969

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Ausbildung Tischler
« am: 20. Juli 2018, 13:50:47 »
Hallo,
mein Sohn ist 15 Jahre und kommt nächstes Jahr aus der Schule mit einem guten Realschulabschluss und möchte eine Ausbildung als Tischler machen.

Er hatte bis jetzt 4 Krampfanfälle 1x 2014 , 2 x 2017, 3x Januar 2018(Klassenfahrt) und nimmt jetzt Levetiacetam nach dem 4. Anfall im Mai ist die Dosis  auf 1000mg morgens und abends erhöht worden. Er ist in dem letzten Jahr ganz schön gewachsen und ich habe ja noch Hoffnung das das ganze Wachstumsbedingt ist.( unser Neurologe sagt nein, aber der HP sagt Wachstum / Pubertät ist nicht zu unterschätzen....)
Ihm geht es jetzt gut und wenn man es nicht weiß... jedenfalls will er jetzt Bewerbungen schreiben, da muss es ja nicht drin, aber wann sagt man das am Besten?
Gibt es Arbeitgeber die sich darauf einlassen? noch habe ich meine Zweifel...
Hat wer Erfahrungen gemacht ?
LG
 

yossarian

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #1 am: 20. Juli 2018, 21:39:44 »
Hallo Butterblume,

herzlich willkommen bei uns im Forum. Einen epileptischen Anfall hat fast jeder Mensch im Leben. Erst wenn Anfälle gehäuft und regelmäßig auftreten, spricht man von einer Epilepsie, so die Mediziner. Und wenn Epilepsie  erst diagostiziert ist, bleibt sie bis zum Lebensende. Sie ist nicht heilbar.

Das bedeutet, dauerhaft eine solide Lebensweise, keinen Alkohol, keinen MP3-Player bis hinten aufdrehen, kein Flackerlicht in der Disko, keinen Schlafentzug und vieles andere mehr. Und es bedeutet, Medikamente einnehmen bis ans Lebensende, nur in seltenen Fällen können sie abgesetzt werden. Gerade Levetiracetam ist bekannt für das Rebound-Phänomen, in dem Moment, wo man sie weglässt, kommt es wieder zu Anfällen.

Es gibt aus meiner Sicht als Epilepsiekranker eigentlich nur paar Ursachen, die zu einer Epilepsie führen. Entweder man ist genetisch vorbelastet oder ihre Ursache ist zu finden in der Vorgeschichte. Bei mir war es klar: Ich hatte als Kleinkind als Folge der Pflichtpockenschutzimpfung einen Fieberkrampf mit anschließender Hirnhautentzündung. Die Epilepsie meldete sich, als ich 25 war.

Er möchte Tischler werden. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten es anzugehen. Um es leicht zu haben, wäre eine Beratung beim Arbeitsamt nicht schlecht. Dort würde sich der Amtsarzt bei Vorlage aller medizinischen Berichte  ein Urteil bilden. Nachteil dieses Weges: Wenn es bei dem Arbeitsamt erst an die große Glocke gehängt wird, bekommt es jeder Arbeitgeber zu wissen.

Die andere Seite ist, verschweigen wird er die Erkrankung, so lange es noch zu Anfällen kommt, nicht. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass er zur Zeit an die Kreissäge darf, Auto fahren ist zur Zeit nicht möglich, Arbeiten in der Höhe kann er nicht erledigen. Außerdem würde es weitere Schwierigkeiten geben beim gesetzlichen Unfallversicherungsschutz. Die Berufsgenossenschaft würde sich weigern, ihn in diesem Zustand im Beruf des Tischlers zu versichern.

Das sind so meine Gedanken zur Sache, sie ersetzen nicht juristischen und ärztlichen Rat. Es wird für wohl nur der Weg zum Arbeitsamt möglich sein. Ich wünsche viel Glück.

Liebe Grüße
yossarian

Muschelschubser

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #2 am: 20. Juli 2018, 21:55:19 »
Hallo, ergänzend möchte ich Euch die Seite epilepsie-arbeit.de ans Herz legen vom Netzwerk Epilepsie und Arbeit. Dort stehen alle Infos gebündelt, das ist großartig. Viele Grüße von der Muschelschubserin 
Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen!

Lena2911

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #3 am: 21. Juli 2018, 00:59:25 »
@yossarian:
Man darf doch nicht alle Erkrankten über einen Kamm scheren! Manche sind fotosensibel, andere nicht. Manche können laute Musik hören, manche aber nicht.
Diese Verallgemeinerungen verunsichern Betroffene und schränken das Leben unnötig ein. Jede Epilepsie ist anders und es muss individuell mit den Ärzten abgesprochen werden und selbst herausgefunden werden, was geht und was nicht.

Butterblume1969

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #4 am: 21. Juli 2018, 12:50:01 »
Danke für eure Antworten.
Die Berufsberatung vom Arbeitsamt ist über die Schule schon in Anspruch genommen worden.
Die wissen Bescheid, ich selber habe mit der Beraterin gesprochen und die hatte keine Einwände, ich habe auch noch mal die Kinder Neurologin angerufen und warte noch auf deren Rückruf (ist zur Zeit in Urlaub) wir haben den Berufswunsch auch schon mal bei einem Krankenhausaufenthalt angesprochen und auch da waren keine Einwände.
Was nicht geht ist Polizei, LKW Fahrer, Zimmermann, Dachdecker ect..
Wir schreiben mal Bewerbungen und sehen dann mal weiter, was das gibt, sollte sich nichts ergeben, geht er erst noch weiter auf Schule und macht sein Fachabi, er ist ja auch erst 15 Jahre, somit hat er auch noch keinen Führerschein.
LG 

D.e.n.d.r.i.t

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #5 am: 21. Juli 2018, 13:33:05 »
Zitat
Beraterin gesprochen und die hatte keine Einwände


Wie sich die Zeiten ändern. Als ich vor der Berufswahl stand, wollte ich Gärtnerin oder Floristin werden. Die vom AA sagten, dass Epilepsiekranke nur im Büro arbeiten dürfen.  >:-( 


Damals hatten wir auch so einen Bogen ausfüllen müssen und da war "Kreativität" immer ein Punkt, der zu den Berufen nicht passte. Als ich dann die SHG hatte, war ich besonders hellhörig, wenn jmd. wg. Epi einen Berufswechsel vornehmen sollte/wollte. Ich kann mich noch an eine Mutter erinnern, deren 15jähriger eine Ausbildung als Koch machte, aber dort verwendete man offenes Feuer (Gas), weshalb er die Lehre abbrechen sollte. Er wollte ins Büro. Ich fragte sie, ob das sein Wunsch ist oder ihm das "eingeredet" haben. Denn Koch ist ja auch ein kreativer Beruf und Büro ist "staubtrocken". Er wollte es selbst. Naja, ich fügte mich ja auch und schlug ihr vor, dass er doch erst mal Praktika machen soll, ob er im Büro tatsächlich klar kommt. Und sollte Koch sein Traumberuf gewesen sein, dann kann er ja immer noch nach einer Stelle umsehen, die kein offenes Feuer haben. Dann gibts nicht den Effekt des Flackerlichts nicht (Anfallsauslöser).


Was die genannten Verbote angeht, die yossarian anführte: lass Dich davon nicht ängstigen. Es ist schon so, Lena schreibt.

LG, Dendrit
Juvenile Myoklonische Epilepsie

Levetiracetam UCB / Keppra 4x 1.000 mg
Lamictal (Lamotrigin) 200-100-200 mg
Frisium (Clobazam) 0-0-0-5 mg

Citalopram 20-10-0 mg
Valdoxan 0-0-0-12,5 mg

Bisherige: AZA, BBX, CBZ, ETH, LCM, LZP, MSM, PB, PHT, PRM, TPM, VPA

https://epilepsie.jimdo.com/sudep

Butterblume1969

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #6 am: 21. Juli 2018, 14:55:29 »
Danke Dentri,
wir versuchen unser Glück erst mal und dann sehen wir weiter. Mein Sohn ist mittlerweile wieder gut drauf, aber nach dem letzten Krampfanfall hatte ich echt Angst, dann sagt er so was wie "schneidet mir doch den *** aus dem Kopf raus" , das macht mich dann auch echt fertig.
Liebe Muttis wie geht ihr denn so mit eurer Angst um ? Vor allen Dingen die wollen jetzt raus und was erleben, was ja auch eigentlich richtig ist.
Alkohol trinkt er keinen, sagt er zumindest immer, ich hoffe das ist auch so.
Hat auch jemand Erfahrungen mit Heilpraktiker oder alternative Heilmethoden zusätzlich zu den Medikamenten?
Ich weiß es ziemlich viel auf einmal, aber es hat auch lange gedauert bis ich mich getraut habe mich in dem Forum anzumelden, denn da wird dann auch das gesagt, was man eigentlich gar nicht hören möchte und nicht ...alles wird gut.
LG ich halte euch auf dem laufenden.

Gibt es hier auch mal positive Informationen?

yossarian

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #7 am: 21. Juli 2018, 19:29:19 »
Hallo Butterblume,

ich habe mir noch einmal wegen deines Sohnes Gedanken gemacht und würde bei der Berufsauswahl wie folgt vorgehen. Wenn er tatsächlich Interesse haben sollte an weiterer Bildung, zum Beispiel zur Erlangung des Fachabiturs, würde ich ihn lassen und es sogar befürworten.

Während dieser Zeit könnte er versuchen, die Epilepsie so gut wie möglich in Griff zu bekommen. Und könnte vor allem eine Prognose abgeben, wie der weitere Verlauf sein könnte. Obwohl man dabei vorsichtig sein muss.

Es ist sein Wunsch, Tischler zu werden. Aus Gründen seiner möglichen Einschränkung würde ich auf jeden Fall einen Kleinbetrieb als Ausbildungsstätte empfehlen. Ein Meister, der zwei, drei Lehrlinge ausbildet und einige Gesellen hat. Dort würde es im Falle von Auffälligkeiten die Möglichkeit geben, Erklärungen abzugeben. Während in einem größeren Betrieb  leicht das Ganze in Mobbing ausarten könnte.

Der Lehrvertrag hat drei Vertragspartner.  Zwischen Handwerkskammer, Lehrherrn und Lehrling, vertreten durch seinen gesetzlichen Vertreter, wird ein Ausbildungsvertrag geschlossen. In Lehrverträgen wird  u. a. eine Probezeit vereinbart, sie liegt nach bestehenden Gesetzen bei einem halben Jahr. Innerhalb dieser Zeit kann ohne Angabe von Gründen von beiden Seiten gekündigt werden.

Ich bin auf die Probezeit eingegangen, weil mir bekannt ist, dass sie verlängert werden kann -  und dann auf die Gesamt-Ausbildungszeit angerechnet werden kann. Die Verlägerung bedarf der Zustimmung aller Vertragspartner. Angenommen, es würde in der ersten Zeit gesundheitlich nicht so gut  laufen, dann hätte der Lehrherr immer noch die Gelegenheit, sich den Auszubildenden ein weiteres halbes Jahr anzusehen, um zu erkennen, dass es sich lohnt, ihn zu behalten.

Ich bin der Meinung, aufgrund der augenblicklichen Schwierigkeiten, Lehrlinge zu bekommen, müsste es einen Betrieb geben, der ihn nimmt. Mit Kusshand wäre er zu vermitteln, wenn er das Fachabitur hätte. Auch weil es genügend Bewerber gibt, die nicht richtig schreiben und rechnen können.

Liebe Grüße
yossarian

Behandlung von Epilepsien und „alternative Heilmethoden“(Beitrag Cornelia)
http://forum.epilepsie-netz.de/index.php?topic=9438.msg138124;topicseen#msg138124

aggi61

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #8 am: 22. Juli 2018, 08:01:05 »
Zitat
Hat auch jemand Erfahrungen mit Heilpraktiker oder alternative Heilmethoden zusätzlich zu den Medikamenten?
Lass die Finger davon.
Heilpraktiker brauchen keine qualifizierte Ausbildung und alternative Methoden ziehen dir nur das Geld aus der Tasche, ohne wissenschaftlich nachweisbaren Nutzen.
Anfänger haben die Arche gebaut - Profis die Titanic ;)

Schlaf - ist das nicht dieser halbherzige Coffeinersatz???

Meditester

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #9 am: 22. Juli 2018, 12:13:21 »

Hallo Butterblume!
Es gibt auch Studierte in diesem Forum.
Die Epi fragt nicht nach Herkunft oder IQ.
Viele Persönlichkeiten haben/hatten Epi.
(Prince z.B. konnte 28 Instrumente spielen)

Lass dich nicht von negativen Berichten "runter ziehen"!
Ich würde wohl auch eher das Gespräch in einem kleineren Betrieb bevorzugen.
Geh doch mal mit deinem Sohn auf die Suche!
Vielleicht ist es ja möglich schon dieses Jahr in den Ferien
mal arbeitsmäßig in einem Betrieb probehalber zu arbeiten.
So könnte er sehen wie dieser Beruf ihm gefällt.

Meditester
Fantasie ist ein Schatz, den dir Keiner nimmt
Auch an eiskalten Tagen trage Wärme im Herzen

Butterblume1969

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #10 am: 22. Juli 2018, 17:20:46 »
Danke euch,
ja er ist jetzt schon arbeiten, allerdings als Mechatroniker, er sollte zumindest auch etwas anderes ausprobiert haben, bevor wir uns auf die Suche machen.
Aber er bleibt beim Tischler, ich habe auch schon einige kleinere Firmen rausgesucht und sein Schulpraktikum hat er auch in einem kleinen Betrieb gemacht und dem Chef haben wir Bescheid gesagt, das er am Anfang des Jahres eine Anfall hatte. Hat ihn aber Gott sei dank, nicht wirklich gestört. Der erhält als erstes die Bewerbung, aber wie gesagt, weiß ich nicht ob der jedes Jahr einen Auszubildenden nimmt.
LG und noch eine schöne heiße Woche, ich melde mich auf alle Fälle wieder und kuck mir jetzt mal den Link an mit dem HP :-)

Aoife

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #11 am: 22. Juli 2018, 23:30:41 »
Ich würde auch mit dem Betrieb selbst reden. Ich habe selber Holzarbeiten gemacht und bei mir wurde in der Werkstatt großer Wert auf Sicherheit gelegt - Elektrosägen habe ich nie angefasst.  ;) Wenn solche Dinge aber kein Ausschlusskriterium für den Arbeitgeber/die Ausbildung sind, sehe ich da keine Probleme? Und Tischler ist ein toller Beruf.  :)

Butterblume1969

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #12 am: 27. September 2018, 09:22:28 »
Hurra... :-))))
Lukas hat die Lehrstelle als Tischler und der Chef weiß bescheid, weil er da ja schon sein Praktikum gemacht hat.

Pippilotta

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #13 am: 27. September 2018, 12:38:48 »
Super, herzlichen Glückwunsch dazu. Schau mal in diesen Thread, da gibt es interessante Infos zu Arbeiten mit Maschinen bei Epilepsie:
Integrationsämter - es tut sich was in Sachen "Arbeit mit Epilepsie"
Grüßle Pippilotta
"Wer Tiere quält,
ist unbeseelt
und Gottes guter Geist ihm fehlt,
mag noch so vornehm drein er schaun,
man sollte niemals ihm vertraun.“
Johann Wolfgang von Goethe
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D.e.n.d.r.i.t

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Re: Ausbildung Tischler
« Antwort #14 am: 27. September 2018, 19:12:49 »
  :dance:
Juvenile Myoklonische Epilepsie

Levetiracetam UCB / Keppra 4x 1.000 mg
Lamictal (Lamotrigin) 200-100-200 mg
Frisium (Clobazam) 0-0-0-5 mg

Citalopram 20-10-0 mg
Valdoxan 0-0-0-12,5 mg

Bisherige: AZA, BBX, CBZ, ETH, LCM, LZP, MSM, PB, PHT, PRM, TPM, VPA

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