Epilepsie-Forum - das Forum von Epilepsie-Netz
10. September 2010, 09:34:36 *
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge
News:
 
   Übersicht   Hilfe Suche Einloggen Registrieren  
Seiten: [1] 2   Nach unten
  Drucken  
Autor Thema: Wie habt ihr euren Kindern die Krankheit erklärt?  (Gelesen 1111 mal)
Missie
... hat sich hier gut eingelebt.
**
Beiträge: 75


« am: 05. August 2009, 20:57:13 »

Hallo zusammen,

ich bin ja nun mit meinem Sohn seit
18 Jahren alleinerziehend. Er bekommt
es immer öfter und deutlicher mit, was
die Epilepsie oder die Tabletten mit mir
machen.

Er meinte ich sei schusselig.  Grin

Die Frage, die ich mir stelle ist, wie
erkläre ich es ihm genau und auch, was
er im Falle eines Falles zu tun hat.

Wie habt ihr das mit euren Kindern gemacht?
Gespeichert

LG

Missie (mehrmals täglich Absencen - eingestellt mit Orfiril 300 mg long)

"Und siehst du am Ende des Tunnels ein Licht, denke immer daran, es könnte ein Zug sein" ;-)
ragazzi
... schreibt sich die Finger wund im Epi-Netz.
*****
Beiträge: 2.673



« Antworten #1 am: 05. August 2009, 21:23:18 »

Hey Missie

dieser Tread  http://forum.epilepsie-netz.de/index.php?topic=6799.0 ist da ganz interessant.
Kannst du dir ja mal die Beiträge durchlesen, sind meiner Meinung nach ne Menge gute Ansätze drin.
Gespeichert

« Ein Mensch, der leidet, bevor es nötig ist, leidet mehr als nötig. »
Hermann
Gast
« Antworten #2 am: 05. August 2009, 21:26:37 »

Hallo Missie,

meine Kinder sind mit der Erkrankung groß geworden. Für sie gehörte es dazu, dass ich ab und zu Anfälle bekomme. Sie haben sie „Lachanfälle“ genannt, weil ich während eines Anfalls Geräusche von mir gab.

Sie haben mich für vollwertig gehalten, haben viel mit mir unternommen und haben mich gemocht. Als sie etwas größer waren, wußten sie genauer, worunter ich leide, sie haben mich unterstützt und aus Gefahrenzonen geholt, wenn ein Anfall im Anmarsch war.

Wenn Du nicht von "Epilepsie" sprechen magst, sprich doch von einer „Hirnleistungsstörung“ oder von „cerebralen Anfällen“. Die Krankheit hat viele Namen und fast immer ihren Grund. Lass' dir einfach etwas einfallen, damit er es begreift.

Sag’ ihm, dass jeder mal schusselig sein kann. Und dass Du es leider öfter erlebst, weil die Medikamente Nebenwirkungen haben. Zu seiner Meinung, Du bist schusselig, solltest Du darüber stehen und dich noch bei ihm bedanken, wenn er dich darauf hinweist.

Liebe Grüße
Hermann
Gespeichert
Missie
... hat sich hier gut eingelebt.
**
Beiträge: 75


« Antworten #3 am: 05. August 2009, 21:46:49 »

Wenn Du nicht von "Epilepsie" sprechen magst, sprich doch von einer „Hirnleistungsstörung“ oder von „cerebralen Anfällen“. Die Krankheit hat viele Namen und fast immer ihren Grund. Lass' dir einfach etwas einfallen, damit er es begreift.

Wieso? Das tue ich doch?!

Code:
Sag’ ihm, dass jeder mal schusselig sein kann. Und dass Du es leider öfter erlebst, weil die Medikamente Nebenwirkungen haben. Zu seiner Meinung, Du bist schusselig, solltest Du darüber stehen und dich noch bei ihm bedanken, wenn er dich darauf hinweist.

Er meint das nicht böse, ich
kann es nur nicht so witzig
schreiben, wie er es sagt. Es
hat ihn nur ein wenig umgehauen,
weil er mich nicht so schusselig
kennt und das jetzt auch gerade
recht plötzlich auffallend wird.

LG

Missie

Gespeichert

LG

Missie (mehrmals täglich Absencen - eingestellt mit Orfiril 300 mg long)

"Und siehst du am Ende des Tunnels ein Licht, denke immer daran, es könnte ein Zug sein" ;-)
cindy1011
... hat sich hier gut eingelebt.
**
Beiträge: 98


Ich liebe dieses Forum


« Antworten #4 am: 11. November 2009, 16:11:56 »

Hallo Missie.

Ich schliße mich Hermann an.
Ich habe zwei söhne 2 u 7 jahre bin 28 und habe mit 17 Epi bekommen.
Mein sohn ist damit aufgewacksen, er kennt das nicht anderst, ich hab ihm halt gesagt das ich krankheit habe wo die mama haöt umfliegt.
Er hat das schon früh verstanden, er hat auch schon mit 3 jahren genau gewusst was er machen muss wenn ich en Anfall bekomme, sofort zu den Nachbarn, das ist jetzt natürlich anderst.
Ich früher manchmal sogar heute noch oft ein schlechtes gewissen meinem Sohn gegenüber, weil er sehr früh hat lernen müssen selbständig zu werden ( nicht beapsichtigt).
Die ersten zwei jahre war ich alleinerziehend und zu dieser zeit habe ich eine Hohe dosis vom Carbamazepien gehabt, ich hab nur geschlafen, und er er hat sich selber frühstück gemacht, irgendwann bin ich entsetzt wach geworden und ***e mein kind.
Er sahs in seinem Kinderzimmer und war am spielen.
Ich bin auch zu dieser zeizt nicht gut eingestellt gewessen.
Ich habe gesagt ich schlaf nur als ob ich auf drogen bin, das geht nicht ich hab ein baby/kind.
Schnell wurden sie umgestellt und es war in wennigen wochen  gut.
Als er älter war und das ist auch heute noch er lässt mich schlafen, weil er sagt ,, die Mama braucht auch mal ruhe.
Gerade wenn er mal um 8.20 schule hat und wir dan auch erst um 7.00 aufstehen naja eine stunde länger schlafen  laugh aber nur Mittwochs.
Mein Mann geht ja schon um 5.45 zur arbeit.
Und gerade Mittwochs beharscht er darauf das i ne stunde länger schlafe, er sagt dan immer ,, ich krig das schon hin mit dem kleinen.
Ja das klapt echt gut, er macht das auch sehr verantwortungs bewust aber er ist vom karakter her schon so.
Er hat jetzt auch im Sommer en erste Hilfe kurs gemacht beim Roten Kreuz die haben da ein für kinder angeboten.
Das wollt er von sich aus, er ist einfach so wansinig toll.
Er weiß jetzt auch was Epilepsie ist, wie es aussieht , naja hat er ja schon genug gesehen.
Wir haben auch einen Notfall plan gemacht, den wir immer mal wieder durch gehen.
Ich bin oft der meinung wie ich sowas meinem kind nur zumuten kann so eine verantwortung auf ein 7 jährigen zu legen.
Das er wenn ich en Anfall bekomme sein kleinen Bruder ins zimmer bringt, mir was untern kopf legt und oma anruft.
Doch bei jedem anfall den ich habe und zu mir komme sehe ich meinen Sohn der mir mit weinenden Augen über den kopf das gesicht streichelt und sagt,, Mama ist gut ich bin da,,.
Klar für ihn ist es schwer aber das er so stark sein muss/ist. Cry
Manchmal glaube ich auch das Kinder stärker u besser mit sowas umgehen können wie manch Erwacksener.

Hab keine angst davor, tu es einfach und du wirst sehen das das garnicht schlim ist. Wink
Wir sind in gedangen bei dir

Wie alt ist dein Sohn ?

Lg cindy
   
Gespeichert
Dendrit
Moderator
... schreibt sich die Finger wund im Epi-Netz.
*****
Beiträge: 3.405



WWW
« Antworten #5 am: 11. November 2009, 16:42:21 »

Hallo Missie,

Zitat
ich bin ja nun mit meinem Sohn seit 18 Jahren alleinerziehend.

Wenn ich das richtig verstehe, ist Dein Sohn mind. 18? Da kann einfache Erklärungsbroschüren nützlich sein.

Wenn Dein Sohn um einiges jünger ist, vllt. könnte ein Geschichten-Buch hilfreich sein, Das Geheimnis um die Stehaufmännchen-Mama (für Kinder zw. 2-7 Jahren).

LG, Dendrit
Gespeichert

puzzle1992
... ist hier noch neu oder schreibt eher selten.
*
Beiträge: 7


« Antworten #6 am: 11. November 2009, 19:44:56 »

Wir haben meinem kleinen Bruder (6 Jahre) das Buch ''Bei Tim wird alles anders'' gekauft, worüber er sich sehr gefreut hat. Schließlich hat er sich ziemlich Sorgen gemacht, als ich im Krankenhaus war. Dann haben wir ihm noch erklärt, dass es bei manchen Menschen Gewitter im Kopf gibt, dass das durch den ganzen Körper geht und man so komisch zuckt. Er weiß, wie er sich im Falle eines Anfalls zu verhalten hat (jemandem bescheid sagen), aber wir verlangen nicht zuviel von ihm, also an die Medikamente kommt er gar nicht ran, er wüsst aber, wo sie liegen, und könnte Nachbarn oder jemanden in der Nähe verständigen. er hat mir versprochen, dass er mich nie alleine lässt =)
Wenn dein Sohn schon größer ist, kannst du ihm ja mal so eine Infobroschüre an die hand geben, die liegen zum Beispiel bei meinem Neurologen im Wartezimmer. Hoffe, ich konnte dir etwas helfen,

Liebe Grüße
Gespeichert
cindy1011
... hat sich hier gut eingelebt.
**
Beiträge: 98


Ich liebe dieses Forum


« Antworten #7 am: 12. November 2009, 13:11:51 »

Hallo Puzzle.

Es ist schon erstaunlich wie die kleinen das auffassen und wie liebevoll und fürsorglich sie sind, auch wenn es für sie sehr ferletzend und schlim ist wenn sie es mitbekommen.
Es kostet sie viel kraft das alles zu verarbeiten, ich weiß das von meinem großen als der noch etwas jünger war.
Doch kinder sind in diesem punkt oft stärker als Erwacksene obwohl wir eigendlich die starken sein müssen.

Lg cindy
Gespeichert
Eisblume
... ist hier noch neu oder schreibt eher selten.
*
Beiträge: 2



« Antworten #8 am: 22. Dezember 2009, 12:19:18 »

hallo zusammen
habe mich soeben registriert und mit grossem interesse eure posts gelesen.
ich bin neu in diesem forum, aber epilepsie ist kein neues thema für mich... ich selber hatte bis jetzt! noch nie epi-anfälle, aber meine mutter. als gehöre ich in die kategorie: angehörige.
vielleicht noch einen kleinen exkurs, wieso ich auf dieses forum gestossen bin:
seit einem jahr mache ich eine psychoanalytische therapie, da ich an depressionen leide. im verlaufe der therapie hat sich herauskristallisiert, dass die epi-anfälle meiner mutter während meiner kindheit mich stark geprägt haben. einerseits in meinem verantwortungsbewusstsein, anderseits auch in meinen ängsten...
meine mutter hatte während meiner kindheit regelmässig epi-anfälle, welche bei mir immer grosse ängste auslösten. teilweise war ich auch mit ihr alleine, wenn sie einen anfall hatte. für mich als kind war diese krankheit schwierig zu verstehen, aber den ausdruck "gewitter im kopf" oder wir sagten "donnerwetter im kopf" war für mich dazumals einigermassen fassbar. ich denke, es ist unabdingbar, dem kind diese krankheit zu erklären - aber abgestimmt auf die entsprechende alterstufe!
also, ich wusste, dass meine mutter manchmal "ein donnerwetter im kopf" hatte und wie vom blitz getroffen am boden liegend gezittert hat. mir wurde nahegelegt, dass wenn diese situation eintrifft, dass ich sie am bestens nicht gross berühre (aufgrund der unkontrollierten und zum teil kraftvollen zuckungen/bewegungen) und sofort hilfe hole.
ich denke, das ist der springende punkt: es müssen noch andere leute miteinbezogen werden. freunde, bekannte oder nachbarn, die auf diese situation vorbereitet wurden und wissen, was zu tun ist. auf gar keinen fall epi als tabuthema behandeln. und schon gar nicht, wenn noch kinder da sind.
dann muss ich aber noch hinzufügen, dass auch die betroffenen vorkehrungen treffen können. meine mutter z.b. durfte nicht in die badwanne steigen, wenn wir alleine zu hause waren. und musste natürlich regelmässig die medis nehmen. autofahren war sowieso verboten. vielleicht als vorkehrung eine wichtige telefonnumer mittels kurztaste auf dem telefon speichern und dem kind erklären, dass wenn etwas passiert, dass es diese taste (ev. speziell markiert) drucken soll, dann kommt hilfe.
das schlimmste überhaupt ist, wenn das kind alleine in dieser situtation gelassen wird. todesängste pur! traumata im kindesalter können sich auch noch viel, viel später bemerkbar machen ...
ja, ich denke, vorkehrungen treffen, immer wieder darüber sprechen, andere Leute miteinbeziehen, u.a., dann ist schon sehr viel erreicht!
meine mutter hatte vor 23 jahren, kurz nach der geburt meines bruders, den letzten epi-anfall bis jetzt. hinzu kommt, dass sie medifrei ist  Smiley
soviel zu dem  Wink
wünsche euch eine gute zeit und frohe festtage


Gespeichert
Hummelchen
... ist hier noch neu oder schreibt eher selten.
*
Beiträge: 6



« Antworten #9 am: 23. April 2010, 15:50:48 »

Hallo zusammen,

ich habe mich soeben hier registrieren lassen, denn dieses Thema geht mir derzeit gar nicht aus dem Kopf. Ich bin wohl eher das klassische Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Mein Vater hatte epileptische Anfälle. Einer meiner Geschwister hatte im Alter von ca. 2 Jahren als Folge eines Anfalls meines Vaters einen Schock erlitten und hat bis in die Pubertät eingekotet, jede Nacht Alpträume und geschrien und nur mit Licht geschlafen. Wir schliefen im gleichen Zimmer und ich bin fast jede Nacht davon aufgewacht und habe mich oft gefragt, was da denn mit Papa wohl passiert war. Keiner hat uns etwas erklärt. Meine Mutter hatte Angst, dass wir auch einen "Schaden" davontragen und hat uns eingebleut, bei einem Anfall unseres Vaters davonzulaufen, möglichst in unser Zimmer zu rennen und die Tür zu schließen. Ich saß jedesmal zitternd und zähneklappernd in meinem Zimmer. Ich hatte solche Angst, dass ich irgendwann mal mit meinem Vater allein sein würde. Das passierte dann auch mal, aber ich weiß nicht mehr, was ich gemacht habe. Ich weiß nur noch, dass irgendwann die Nachbarin mit mir im Zimmer war und verlangte, ich solle meine Hausaufgaben machen. Vor lauter Zittern habe ich so furchtbar geschrieben, dass ich die Seiten später rausreissen musste.

Mein Vater nahm wider Anweisung des Arztes keine Tabletten. Er trank auch Alkohol, obwohl er es nicht sollte. Er hatte sehr sehr viele Anfälle. Ich weiß noch, dass er ständig Unfälle in der Arbeit hatte, von einem Baum fiel, als er Pflaumen pflückte, einmal kam die Feuerwehr, da er im Bad gegen die Heizung und dann gegen die Tür fiel. Wir konnten ihn nicht rausholen ... Riesenblutlache am Boden usw. usw.

Jetzt, wo ich so vieles bei Euch gelesen habe: Dinge wie "Notfallplan", Notfall-Nummern, Telefon farblich bekleben usw.  ... Da wird mir klar, dass bei uns wohl einiges nicht so optimal abgelaufen ist.

Als ich den Bericht von Dir, Cindy, meinem Mann vorlesen wollte, konnte ich es gar nicht, so habe ich geweint!!! Ich habe erst mal gedacht, dass Dein Sohn doch sicher total überfordert ist. Nur bin ich da sehr von meiner Situation ausgegangen. Aber ich habe jetzt länger darüber nachgedacht und mir überlegt, dass Du ihn ja gut aufgeklärt hast. Er hat sogar diesen Kurs belegt und sicher wird er mal ein Mensch, dem es nicht schwer fällt, Verantwortung zu übernehmen. Was ich mich frage ist, ob er auch genug Möglichkeiten hat, Kind zu sein. Denn das ist sicher auch sehr wichtig. Dass er mal alles fallen lassen kann und einfach ein unbeschwertes Kind sein darf. Denn dann glaube ich, dass er völlig gesund aufwachsen kann und wird.

Dieses Thema beschäftigt mich auch insbesondere deshalb, da ich vor ca. 4 Wochen etwas erlebt habe, vor dem ich schon jahrzehntelang Angst hatte: Ich saß bei einem Vortrag, hatte das Gefühl, hinter mir stimmt was nicht, drehte mich um ... und ... ja, da saß eine Frau, die gerade einen Anfall hatte. Der war im Vergleich zu denen meines Vaters eigentlich total harmlos, aber es hat gereicht: Ich musste sofort den Saal verlassen, hatte eine ziemlich heftige körperliche Reaktion und seitdem ziemlich Probleme. Ich denke, dass all das heute nicht so schlimm sein müsste, hätte man mir als Kind erklärt, was passiert.

In meiner Situation sah es auch so aus, dass Verwandte und Arbeitskollegen meines Vaters ihm immer wieder Alkohol angeboten haben, obwohl sie von seinem Problem wußten. Klar lag es an meinem Vater, das Zeug anzunehmen oder abzulehnen, dennoch kann ich es nicht verstehen, warum Menschen so etwas tun, wenn sie wissen, dass die ganze Familie und insbesondere auch Kinder darunter leiden! Wie dem auch sei, ändern kann ich es sowieso nicht mehr. Mein Vater starb an einem Herzinfarkt, als ich 10 war.

Ich finde es auf jedenfall toll und sehr wichtig, dass ihr Euch darüber Gedanken macht, wie man es den Kindern erklären kann!!!

Was mich noch interessiert ist die Frage, wie ich jetzt mit dieser furchtbaren Angst, die mich derzeit so im Griff hat, umgehen kann. Aber das ist wohl ein Thema, dass ich in einem anderen Thread suchen muss ...

Alles Liebe
Hummelchen
Gespeichert
Hermann
... gehört hier zum lebenden Inventar.
****
Beiträge: 319


Zuhören ist die Seele des Gesprächs. (Achenbach)


« Antworten #10 am: 24. April 2010, 22:37:39 »


Hallo Hummelchen,

ich begrüße dich recht herzlich und finde gut, dass du zu uns gefunden hast. Ich habe Deinem Beitrag entnommen, dass dich die Krankheit Deines Vaters sehr belastet hat. Eigentlich nur aufgrund mangelnder Aufklärung.

Zu den Nachbarn, haben sie gewusst, dass Dein Vater epilepsiekrank gewesen ist? Vielleicht hat niemand einen Fehler gemacht. Die Nachbarn haben ihm etwas Alkoholisches gegeben, um ihn aufzumuntern. Sie wollten bestimmt nicht, dass es ihm schlecht geht. Vielleicht ist Dein Vater schon so krank gewesen, dass sein Verhalten Resignation war.

Es könnte auch sein, dass ihm ärztlicherseits nicht richtig erklärt worden ist, dass die Tabletten regelmäßig genommen werden müssen. Selbst gute Allgemeinmediziner und auch Hausärzte sind beim Krankheitsbild Epilepsie überfordert. Vielleicht gab es zu der Zeit noch kein Internet, in dem Vater sich hätte aufklären können. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es vor gut 15 Jahren noch schwierig war, überhaupt an Info-Material zu kommen.

Zu Deiner Frage, wie Du dich verhältst, wenn Du Augenzeuge eines Krampfanfalls wirst, kann ich Folgendes sagen. Du solltest dem Kranken weder etwas zwischen die Zähne stecken noch Hände und Füße festhalten. Ich würde ihn beobachten und wenn der Anfall länger als 5 Minuten dauert, solltest Du die 112 wählen. Dann kommt der Krankenwagen.

Ich habe mich erkundigt, wie es mit den Kosten aussieht, wenn man ihn bestellt. Er wird immer von der Krankenkasse desjenigen bezahlt, der ihn benötigt.

Liebe Grüße
Hermann

PS.: Ich habe ein paar Zeilen dazu geschrieben, wie man sich verhalten sollte, wenn man an Epilepsie erkrankt ist. Wenn Du es haben möchtest, sage bitte Bescheid.
Gespeichert

Ehrlichkeit verlangt nicht, dass man alles sagt, was man denkt. Ehrlichkeit verlangt nur, dass man nichts sagt, was man nicht auch denkt. (Helmut Schmidt)
Hummelchen
... ist hier noch neu oder schreibt eher selten.
*
Beiträge: 6



« Antworten #11 am: 25. April 2010, 09:31:43 »

Hallo Hermann,

ja, die Krankheit meines Vaters hat mich sehr belastet und das tut sie noch heute, obwohl er schon 30 Jahre tot ist. Weil wir nicht aufgeklärt wurden. Vielleicht auch wegen der Heftigkeit und Häufigkeit seiner Anfälle. In meiner Erinnerung hatte er sehr häufig Anfälle, ich war mir da aber nicht ganz sicher, da ich meinem Gefühl gar nicht mehr getraut habe. Aber mir wurde das jetzt von Verwandten, zu denen ich sehr lange keinen Kontakt mehr hatte, bestätigt.

Die Arbeitskollegen meines Vaters haben selbst Anfälle von ihm auf der Arbeit miterlebt. Trotzdem boten sie ihm Alkohol an. Dasselbe mit unseren Verwandten (natürlich nicht alle!). Ich suche da auch keinen Schuldigen, will niemandem Vorwürfe machen. Da es hier aber ja um den Umgang mit Kindern ging, dachte ich auch an so etwas wie "Gemeinschaftsverantwortung". Wenn ich jetzt von so einem Fall wüßte, und wüßte, dass die Kinder unter einer Situation leiden, die man mit ein paar Vorsichtsmaßnahmen etwas verbessern könnte, dann würde ich mich dafür einsetzen. Und nicht die Augen zumachen und wegsehen.

Ich mache auch meinem Vater keine Vorwürfe. Er litt selbst sehr unter der Situation, versuchte auch, sich das Leben zu nehmen. Er meinte, es würde uns allen besser gehen, wenn er nicht mehr leben würde. Jetzt vermisse ich ihn. Als ich bei dem Bericht von Cindy so weinen musste, dachte ich auch: Wie gern hätte ich das auch geschafft! Meinen Vater über den Kopf streicheln und sagen: Ich bin ja bei Dir! Das ich das nie tun konnte, macht mich heute traurig. Aber ich hatte Todesangst!!! Und wir mussten ja sowieso immer fortlaufen.

Vielleicht hast Du mich in einem Punkt mißverstanden. Ich hatte nicht wissen wollen, wie ich mich verhalten soll, wenn ich einen Krampfanfall miterlebe. So leid es mir tut und so gern ich helfen würde: Da läuft bei mir irgendwie ein "Angstprogramm" ab: WEGLAUFEN und ZITTERN MIT ZÄHNEKLAPPERN! Was anderes geht gar nicht. Ich kann es nicht steuern und bin dem total ausgeliefert. Ich wüßte nicht mal, ob ich die Ziffern "112" noch auf meinem Handy treffen würde, so heftig zittere ich. Und diese Angst macht sich im Moment immer breiter. Ich zucke bei Geräuschen zusammen, die ich nicht zuordnen kann, habe Schlafprobleme. Und dieser Frau, die diesen Anfall hatte, begegne ich immer noch. Ich wußte nicht, dass sie Krampfanfälle bekommen kann. Ich kenne sie und habe Wertschätzung für sie, weil sie eine starke Frau ist und in ihrem Leben schon viel bewältigt hat. Aber wenn sie jetzt einen Raum betritt, in dem ich mich befinde, startet bei mir mein "Angstprogramm". Ich muss den Raum verlassen und beginne mit den Beinen zu schlottern und mit den Zähnen zu klappern. Da kommt wohl das kleine Kind in mir wieder zum Vorschein.

So, jetzt muss ich erst mal Schluß machen. Das schöne Wetter ausnutzen  Wink

Grüße
Hummelchen
Gespeichert
aggi61
... gehört hier zum lebenden Inventar.
****
Beiträge: 312



« Antworten #12 am: 25. April 2010, 14:29:26 »

Hallo Hummelchen,

es tut mir leid, dass du in deiner Kindheit so schlimme Erfahrungen machen musstest / so mit dir und der Erkrankung deines Vaters umgegangen wurde.

Ich denke, dass bei dir, wie bei einem jeden Panik-/ Phobiepatienten eine Psychotherapie ziemlich angebracht wäre.

Ich selbst habe seit meiner Kindheit Epilepsie und meine Kinder sind damit groß. Sie haben nie bei mir einen "großen Anfall" gesehen, wüssten aber theoretisch, wie damit umzugehen wäre.

Zitat
Trotzdem boten sie ihm Alkohol an. Dasselbe mit unseren Verwandten (natürlich nicht alle!)
Vor 30 Jahren - denke ich - war sicher vielen noch nicht bekannt, dass sich Alkohol negativ auf die Epilepsie auswirkt. Jetzt darüber nachzudenken hat wenig Sinn.

Denk einfach mal über fachkundige Unterstützung nach.

LG aggi
Gespeichert

Gestern stand ich am Abgrund - heute bin ich einen Schritt weiter!

Schlaf - ist das nicht dieser halbherzige Coffeinersatz???

Hummelchen
... ist hier noch neu oder schreibt eher selten.
*
Beiträge: 6



« Antworten #13 am: 26. April 2010, 12:26:50 »

Hallo aggi,

ich befinde mich bereits seit einem Jahr in Therapie. Das Problem ist aber erst so richtig bei diesem Anfall vor 4 Wochen hochgekommen.

Es war vor 30 Jahren schon bekannt, dass man bei dieser Krankheit mit Alkohol vorsichtig umgehen sollte. Mein Vater war laut den Aussagen meiner Mutter auch 2 x in Bethel (da muss diese Fachklinik sein, gell?). Meine Mutter hat oftmals Bekannten, Verwandten und seinen Arbeitskollegen erzählt, dass die Ärzte meinem Vater von Alkohol abgeraten haben. Mein Onkel wußte z. B. auch davon und hat immer mit meiner Oma geschimpft, die meinem Vater immer bei Familientreffen starken Alkohol (Schnaps u. a.) angeboten hat. Mein Onkel musste auch einmal meinen Vater ins Krankenhaus bringen und der Arzt hat ihn sofort gefragt, ob mein Vater Alkohol getrunken hat.

Mit diesen Überlegungen will ich wirklich keinen Schuldigen suchen und will auch nicht ständig meine Gedanken darum kreisen lassen. Ich denke nur deshalb darüber nach, weil ich überlegt habe, wie man Kindern HEUTE helfen kann, mit der Geschichte leichter umzugehen. Natürlich kann ich meine Geschichte nicht mehr rückgängig machen. Und mit Sicherheit gab es damals viele Informationen nicht, die einem heute zugänglich sind (Internet, z. B. dieses Forum hier  Wink) Gäbe es aber heute eine ähnliche Geschichte, bei denen Kinder im Spiel sind, würde ich versuchen, mit den Betroffenen darüber zu reden, da ich weiß, wie schlimm das für ein Kind sein kann - und ich sage bewusst kann, weil wieder jeder Mensch anders ist und mit Problemen anders umgeht.

Und tatsächlich hat mir die Therapeutin heute gesagt, dass die Angst nicht alleine von den epileptischen Anfällen herrührt, sondern dass es die vielen Begleitumstände waren: Wie mit den Anfällen umgegangen wurde ("Sei schön lieb, sonst kriegt Papa wieder einen Anfall!"; ungesunde Atmosphäre mit vielen Streitigkeiten in der Familie meines Vaters (seine Mutter, seine Brüder); falscher Umgang mit der Krankheit; falscher Umgang mit der Problematik Alkohol usw.). Leider koppel ich wohl diese ganzen Ängste von früher an diese Anfälle und hoffe, dass ich das irgendwann wieder einigermaßen in den Griff kriege.

LG Hummelchen
Gespeichert
aggi61
... gehört hier zum lebenden Inventar.
****
Beiträge: 312



« Antworten #14 am: 26. April 2010, 17:43:57 »

Hallo Hummelchen

Das du in Therapie bist, ist schon mal ein guter Ansatz.

Die Therapie wird aber in einem Jahr nicht das Trauma von vor 30 Jahren wegbringen können. Ich finde es aber Klasse, dass du dir gedanken darüber machst, wie Kindern heute geholfen werden kann, damit umzugehen.

Das wird aber immer vom persönlichen Umfeld und dem Kenntnisstand der Umgebung abhängig sein - genau wie es bei jeder anderen Krankheit auch ist.

Meine Mutter war Krankenschwester und die hat mir meine Krankheit verschwiegen - wann mir gegenüber das Wort Epilepsie das erste Mal gefallen ist, weiß ich nicht - kann aber kein zuuu großer Schock gewesen sein - Medis habe ich auch keine bekommen, habe irgendwie gelernt, alleine die Auslöser zu vermeiden.

Meine Kinder sind so selbstverständlich damit aufgewachsen, dass sie sogar im Förderzentrum, wo sie zeitweilig zur Schule gingen, auf Kinder aufgepasst haben, wenn sie nach einem Anfall ausgeruht haben.

L aggi

Gespeichert

Gestern stand ich am Abgrund - heute bin ich einen Schritt weiter!

Schlaf - ist das nicht dieser halbherzige Coffeinersatz???

Seiten: [1] 2   Nach oben
  Drucken  
 
Gehe zu:  

Powered by MySQL Powered by PHP Epilepsie-Forum - das Forum von Epilepsie-Netz
Powered by SMF 1.1.11 | SMF © 2006, Simple Machines LLC
Prüfe XHTML 1.0 Prüfe CSS