Autor Thema: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges  (Gelesen 41479 mal)

ritorno

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #30 am: 02. August 2010, 09:26:22 »
"Erfahrungen sind Maßarbeit. Sie passen nur dem, der sie macht."   ::)

[Carlo Levi]

ritorno

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #31 am: 02. August 2010, 09:29:24 »
Ich liebe Elefanten - sie besitzen Stärke, Weisheit, Ruhe und eine überwältigende Ausstrahlung.  :)

serina

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #32 am: 07. August 2010, 22:13:47 »
Hallo Ragazzi,

das sind ja schöne und auch lustige Geschichten/Gedichte.
Hab bisher nur ein paar gelesen. Ich finde man darf nicht zu viel auf einmal lesen. Immer wieder ein bisschen...
Bis ich alle durch hab, vergehen ein paar Tage.

Wo Du die nur alle her hast. Schreibst Du auch selber?

Jedes Einzelne zu lesen ist eine kleine Freude  ;)

dankeschön

Lg Serina
Das Glück des Lebens hängt von der Beschaffenheit der Gedanken ab
(Mark Auriel)

ritorno

  • Gast
Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #33 am: 08. August 2010, 22:30:39 »
Danke Serina, schön das sie dir gefallen.  :)
Genieße sie, ich lese so einige auch immer mal wieder.
Tja, wo hab ich die nur alle her ...  :jojo:   :)

ritorno

  • Gast
Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #34 am: 08. August 2010, 22:37:51 »
Kenne Deinen Körper :)

Du bist dein eigenes Universum, du hast deinen eigenen Mikrokosmos.
Betrachte nur deinen Körper, denn du besitzt eine Fülle des Lebens, von der du kaum etwas ahnst.


Dein Herz ... Es schlägt, ob du schläfst oder wachst, dreißig Millionen Takte im Jahr, und ein Blut pulsiert durch über neunzigtausend Kilometer Arterien und Venen in die Gefäße des Lebens.

Deine Augen ... Tausend winzige Rezeptoren zeigen dir das Lachen eines anderen Menschen, den Sonnenaufgang und den Himmel mit Myriaden von Sternen.

Deine Ohren ... zwanzigtausend feine Teilchen lassen dich den Gesang der Vögel und den Herzschlag der Geliebten hören.

Deine Lungen ... fünfhundert Millionen fleißige Bläschen filtern für dich aus der Luft den Sauerstoff, den Atem des Lebens.

Dein Gehirn ... Zehn Milliarden Nervenzellen machen, dass du denken, wissen und fühlen kannst.

Deine Beine ... Dreihundert Muskeln bringen dich dahin, wo dein Liebster ist.

Dein Mund ... mit dem du lachen und singen kannst und deinen Freunden sagen, dass du sie liebst.

Deine Hände ... mit denen du musizieren kannst, Gedichte schreiben und Bilder malen, die deine Gefühle ausdrücken und deine Welt beschreiben.

 
Es ist wunderbar, ein Mensch zu sein  :)


[Autor unbekannt]

ritorno

  • Gast
Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #35 am: 18. August 2010, 17:11:54 »
Der Herr des Dschungels:

Vor langer, langer Zeit als die Tiere und Menschen sich noch in der selben Sprache unterhielten, und das Fell des Tigers von glänzendem, makellosen Gelb war, ging ein Wasserbüffel nach seinem abendlichen Flussbad nach Hause.

Er summte ein Liedchen vor sich hin und hielt seine Nase hoch. Das fiel ihm nicht schwer, denn zu der Zeit hatten Wasserbüffel noch gerade Nasen. Wenn man aber seine Nase hoch in die Luft hält, kann man nichts riechen, und so bemerkte der Wasserbüffel auch nicht, dass ihm der Tiger gefolgt war. Erst als er ein sanft geschnurrtes: "Guten Abend" neben sich vernahm, sah der Wasserbüffel den Tiger.

Bei diesem Anblick wäre der Wasserbüffel am liebsten davongelaufen, aber er wollte auch nicht wie ein Feigling erscheinen.
Und so setzte er seinen Weg fort, während der Tiger neben ihm her ging und schwatzte.

"Man sieht dich gar nicht mehr im Wald." sagte der Tiger, "Arbeitest du denn immer noch bei den Menschen?" Der Wasserbüffel nickte.

"Das ist aber komisch, ich verstehe dich nicht. Der Mensch hat weder Klauen, noch Giftzähne, noch ist er besonders stark. Außerdem ist er winzig.
Wie kannst du nur so einen Herren und Meister akzeptieren?"

"Ich weiss es selbst nicht richtig" sagte der Wasserbüffel. "Wahrscheinlich wegen seiner Intelligenz"

"In-telli-was??"

"Intelligenz" antwortete der Wasserbüffel.

Er war stolz, mehr als der Tiger zu wissen. "Intelligenz ist eine besondere Eigenschaft des Menschen.
Deshalb kann er Herr über mich sein, und auch über das Pferd, und den Hund, und das Schwein, und die Ente."

"Das ist ja sehr interessant. Wenn ich etwas von diesem Intelligenz-Dings hätte, wäre das Leben viel einfacher. Man würde mir gehorchen, ohne dass ich viel herum rennen und mich anschleichen müsste. Ich würde einfach so im Gras liegen, und mir die fettesten Tiere zum fressen aussuchen. Glaubst du, dass der Mensch mir etwas von seiner Intelligenz verkaufen würde?" 

"Ich weiß es nicht" murmelte der Wasserbüffel.

"Ich werde ihn gleich morgen fragen. Er wird es schon nicht wagen, mir etwas abzuschlagen." knurrte der Tiger und verschwand in der Dämmerung.

Der Büffel trottete nach Hause. Er hatte nun doch ein bisschen Angst, und fragte sich, ob er nicht etwas zu viel geredet hatte. Aber nach dem Abendessen fühlte er sich beruhigt. "Der Tiger ist noch nie bis an die Reisfelder gekommen" dachte er "also, wieso sollte er es jetzt tun"

Aber er hatte sich getäuscht. Am nächsten Morgen als der Wasserbüffel und sein Herr aufs Feld gingen, wartete der Tiger schon.
Und er hatte sogar eine Rede für diese Gelegenheit parat.

"Fürchte dich nicht, kleiner Mensch." sagte der Tiger freundlich. "Ich bin mit der friedlichsten Absicht hier. Ich habe gehört, dass du eine Gabe namens In-telli-genz besitzt, und ich möchte dir davon etwas abkaufen. Bitte verkauf sie mir schnell, denn ich habe noch nichts zum Frühstück gegessen."

Der Wasserbüffel ärgerte sich über seine eigene Schwatzhaftigkeit. Aber sein Herr sagte nur: "Es ist eine große Ehre für mich, dass der Herr Tiger selbst mein bescheidenes Feld aufsucht. Ich bin ihm gern zu Diensten." Und er verbeugte sich tief, wie vor dem Kaiser.

Der Tiger war dann auch sehr geschmeichelt und antwortete: "Oh, bitte, mach nur kein Aufhebens wegen eines schlichten Tigers. Ich wollte ja nur etwas kaufen."

"Kaufen?" unterbrach ihn der Bauer "das kommt gar nicht in Frage, ich bestehe darauf, ihnen meine Gabe zu schenken."

Der Tiger dachte: Der Morgen lässt sich ja gut an. Zuerst werde ich wie ein König begrüßt, und dann kriege ich diese In-telli-genz, und danach kann ich den Bauern und den Büffel zum Frühstück essen." Bei diesem Gedanken blitzten seine grünen Augen hell wie Sterne und er sagte: "Wirst du sie mir gleich geben?"

"Ich würde schon, aber ich lasse sie immer zu Hause, wenn ich aufs Feld gehe." sagte der Bauer, der das hungrige Glitzern in den Augen des Tigers bemerkt hatte. "Wissen sie, so eine kostbare Gabe sollte man nicht verlieren, und außerdem brauche ich sie hier draußen nicht. Aber ich laufe nach Hause, und hole sie Ihnen."

Er schickte sich an zu gehen, kam aber nach ein paar Schritten wieder zurück. "Sagten sie nicht, Sie hätten noch kein Frühstück gehabt?"
"Nein" sagte der Tiger "Warum?" "Weil ich dann den Büffel nicht hierlassen kann. Sie könnten ihn fressen"

"Ich verspreche ihnen, es nicht zu tun." sagte der Tiger.

"Ich zweifle nicht an ihrem Wort, aber sie könnten sich vergessen. Und wenn sie den Büffel fressen, habe ich niemanden, der mir bei der Arbeit hilft. Aber wenn ich ihn mitnehme, brauche ich vielleicht länger für den Weg, weil er so langsam ist. Wenn sie mir erlauben, sie an den Baum zu binden, könnte ich den Büffel hier lassen.

" Dem Tiger war es recht. "Dann fresse ich sie eben etwas später" dachte er, während der Bauer ihn an am Baum fest band. Und beim Gedanken an den großen, grasenden Wasserbüffel, den kleinen Menschen und die unbekannte In-telli-genz lief ihm das Wasser im Munde zusammen.

Später kam der Bauer zurück. "Nun, wo ist sie?" fragte der Tiger.

"Hier" antwortete der Bauer und zeigte ihm ein großes, glänzendes Ding auf einer Stange. "Gib sie mir." befahl der Tiger. Der Bauer gehorchte. Er hielt die brennende Fackel an die Schnurrbarthaare des Tigers, die zu brennen anfingen. Dann hielt er sie an des Tigers Ohren, Schwanz und Rücken.

"Hilfe, das brennt." rief der Tiger. "Das ist die Intelligenz" sagte der Bauer.

"Komm, Büffel, wir gehen" Aber der Wasserbüffel konnte nicht gehen. Er platzte vor lachen. Der Tiger, Herr des Dschungels, Schrecken aller Tiere, ließ sich an einen Baum binden, und von einer Fackel versengen. Es war einfach zu komisch. Der Büffel wälzte sich im Gras und hörte nicht auf zu lachen, bis er mit dem Maul an einen Baumstumpf stieß, sie die Lippe aufschlitzte und die Nase verletzte. Das Ergebnis kann man heute noch sehen.

Und der Tiger? Nun, er jammerte und strampelte bis endlich die Flammen auch seine Fesseln verbrannten und er frei war. Aber die schwelenden Seile hatten sein Fell derartig versengt, dass sie schwarze Streifen hinterließen, die der Tiger trotz allen Waschens nie mehr los wurde.
;D

[Autor unbekannt]

ritorno

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #36 am: 04. September 2010, 09:13:57 »
Einige Vorteile des Älterwerdens

(Autor unbekannt)

• Du kannst das Abendessen schon um 4 Uhr am Nachmittag essen.

• Du profitierst endlich von deinen Einzahlungen in die Krankenkasse.

• Du bist für Entführer nicht mehr interessant.

• Du hast immer Zeit, wenn du willst.

• Du hast nie Zeit, wenn du nicht willst.

• Endlich glauben dir die Menschen, dass du kein Hypochonder bist.

• Deine Geheimnisse sind sicher, weil sich auch deine Freunde nicht mehr daran erinnern können.

• Der Vorrat an Gehirnzellen wird zur überschaubaren Größe.

• Deine Augen werden nicht mehr schlechter.

• Kleidung, die du kaufst, kannst du jetzt ewig tragen.

• Niemand erwartet mehr, dass du in ein brennendes Gebäude zum Retten läufst.

• Du brauchst nichts mehr auf die harte Art zu lernen, weil du das alles schon weißt.

• Deine Gelenke sind zuverlässiger als der Wetterbericht.

• Bei Geiselnahmen wirst du als Erster frei gegeben.

• Du brauchst nicht mehr den Bauch einzuziehen, wen immer du auch triffst.

• Du darfst dir endlich einen Kompass im Auto montieren.

• Du brauchst keine Zeitungen mehr zu lesen, weil deine Arme zu kurz werden.

• Du darfst jetzt zur Musik im Aufzug singen.

• Du erfreust dich an den Geschichten über die Operationen deiner Mitmenschen.

• Du lernst, dass Kaffee eines der wichtigsten Dinge im Leben ist.

• Du kriegst keine Strafzettel für Schnellfahren mehr.

• Du hast mehr Haare in den Ohren als am Kopf.

• Deine Steuererklärung wird ganz einfach.

• Die Monate vergehen wie im Flug.

• Du darfst wieder Babynahrung genießen.

• Du kannst dir zu jeder Zeit und immer wieder jeden Film anschauen.

• Du freust dich, dass deine Pension viel höher ist, als die der Jüngeren je sein wird.

• Du brauchst keinen Wecker mehr, weil du immer von selbst aufwachst.

• Du hast eine Party und die Nachbarn merken es nicht einmal.  :D

ritorno

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #37 am: 05. September 2010, 18:53:22 »
Schade das es hier her verschoben wurde. Ich musste bei 27 Beiträgen die ich hier einbrachte die meiste Zeit weinen. ::)
Aber ist schon richtig, sowas gehört ja auch nicht in ein Epilepsieforum und auch nicht unter Privates.



ritorno

  • Gast
Re: Gedanken - Nachdenkliches
« Antwort #38 am: 09. November 2010, 20:21:25 »
Geht es uns (zu) gut?

Wenn du heute morgen aufgewacht bist und keine unheilbaren Krankheiten hast, dann bist du glücklicher als 1 Millionen Menschen, die die nächste Woche nicht erleben werden.

Wenn du nie einen Krieg erlebt und nie Gefangenschaft oder Hunger gespürt hast, dann bist du glücklicher als 500 Millionen Menschen auf der Welt.

Wenn du in eine Kirche gehen kannst ohne die Angst, dass dir gedroht wird, dass man dich verhaftet oder dich umbringt, dann bist du glücklicher als 3 Milliarden Menschen auf der Welt.

Wenn sich in deinem Kühlschrank Essen befindet, wenn du angezogen bist, ein Dach über dem Kopf hast und ein Bett zum hinlegen, dann bist du reicher als 75 Prozent der Einwohner dieser Welt.

Wenn du ein Konto bei der Bank hast, etwas Geld in der Tasche und etwas Kleingeld in einer kleinen Schachtel, dann gehörst du zu 8 Prozent der wohlhabenden Menschen auf dieser Welt.

Wenn du diese Zeilen lesen kannst, dann gehörst du nicht zu den 2 Milliarden Menschen auf der Welt, die weder lesen noch schreiben können.

serina

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #39 am: 09. November 2010, 20:59:54 »
Oh, da wird einem bewusst, wie gut es einem eigentlich geht.

Aber ein schlechtes Gewissen kommt auch irgenwie dazu. Weil man ja doch hin und wieder denkt, dies und jenes könnte besser sein. Auch wenn man viel im Leben durchgemacht hat - aber man lebt noch, und ich hoffe doch, dass alle hier auch tatsächlich ein Dach über dem Kopf haben und genug zu Essen haben.

Man, irgenwie bin ich seit 3 Tagen schon so melancholisch  ::)

LG Serina
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ritorno

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #40 am: 11. November 2010, 19:57:44 »
Behinderungen

Der neue Schachspieler sah immer noch zu mir herüber, als ich mich der Garderobe aus meinem Mantel wand.

„Wollen wir eine Partie spielen?“, fragte ein Schachfreund.

Der Gast saß während unseres Spiels in unmittelbarer Nähe. Ich fühlte überdeutlich seinen Blick im Rücken. Wie kann man jemanden so penetrant anstieren, ärgerte ich mich. Ich hatte es noch nie leiden können, wenn mich jemand mit seinen Blicken beinahe auszog. Ich drehte mich allerdings kein einziges Mal zu ihm um. Ich blickte selten jemanden an, geschweige denn redete ich viel. Nach dem Spiel ging ich zur Toilette. Im Blickwinkel sah ich, dass der Gast seinen Blick nicht von mir abwendete.

***

Zurück im Spielraum angekommen, wagte er es endlich, mich zu einer Partie Schach herauszufordern.

„Ich weiß nicht“, zögerte ich.

„Ich bin übrigens Claus-Stephan.“

„Nathalie“, sprach ich leise.

„Ich spiele grottenschlecht.“

„Na gut.“

Nach meinen drei gewonnen Spielen lehnte er sich frustriert zurück.

„In dem anderen Verein in Kaltenkirchen hat man mich rausgeworfen!“, erzählte er mir.

„Wieso denn das?“

„Weil ich nicht gut spiele. Weißt du, ich lerne nicht besonders schnell, brauch für das, was andere in fünf Minuten lernen, die drei- bis vierfache Zeit.“

Ich runzelte die Stirn. Eine Lernschwäche bedeutete doch nicht zwangsläufig, dass jemand nicht Schach spielen kann.

„Ich bin da auch keinem zu nahe getreten, aber sie mochten mich wohl nicht! Wenn man ausgerechnet da ausgegrenzt wird, wo man wohnt, ist es echt hart.“

Ich spürte, wie nah es ihm ging; wenn mich auch gleichzeitig seine Offenheit irritierte.

„Ja, kenne ich.“ Ich war zu sprachlos, mal jemanden zu treffen, dem es ähnlich erging wie mir, als dass ich freiheraus von meiner eigenen Leidensgeschichte erzählen konnte.

„Ich werde wegen meiner Lernschwäche eigentlich mein ganzes Leben hindurch immer nur ausgegrenzt.“

„Aber man merkt dir doch diese Schwäche gar nicht an.“

„Du vielleicht nicht!“

„Ich denke, dass man auf jeden unvoreingenommen zugehen sollte.“ Ob es ihm auffiel, wie selten ich ihm in die Augen blickte?

„Wenn nur alle Menschen so wären“, seufzte er.

Wir schlenderten in den Flur. Die anderen Schacher hatten mehrmals grimmig zu uns herüber geschaut.

„Woher kommt deine Lernschwäche eigentlich?“

„Kurz nach meiner Geburt hatte man mich am Gehirn operiert und dabei sind Komplikationen aufgetreten. Ich hatte kein einfaches Leben.“

Ich bebte innerlich. Einerseits war er mir sympathisch, aber andererseits fragte ich mich, ob er mal daran dachte, dass er nicht der einzige war, der Probleme hatte?

„Was tust du eigentlich beruflich?“, fragte ich ihn.

„Ich arbeite in einer Behindertenwerkstatt. Und du?“

„Ich gehe in die 11. Klasse.“

„Du bist also intelligent und gebildet?“

Ich lächelte verhalten.

„Ich bin kein großer Denker“, erzählte er mir, „wenn ich an den Rest meiner Familie denke – alles solche Grübler.“

„Ja, Grübeln macht unglücklich.“

***

„Ich hätte lieber deine Behinderung“, sprach Claus-Stephan fest aus.

Unvermittelt stellte ich mir die Frage, wofür ich mich, wenn ich wählen könnte, wohl eher entscheiden würde? Für Claus-Stephans geistige Behinderung oder meine körperliche? Was war schlimmer? Nicht gut sehen zu können? Oder nicht gut lernen zu können? Vielleicht würde mich die Tatsache, dass mit seiner geistigen Schwäche keine Grübelei verbunden war, zu Wahlmöglichkeit „geistige Behinderung“ verführen.

„Ich wohne übrigens in einem Wohnheim für Behinderte. Dort gibt es auch viele andere Betroffene. Die sind natürlich alle ganz nett, aber ich komm mir da schon öfter blöde vor. Weil die stark geistig behindert sind. Die Normalos wollen mit mir eigentlich nichts zu tun haben – vor allem wenn sie erfahren, dass ich behindert bin. Es ist echt nicht leicht, anders zu sein.“ Er senkte den Kopf.

„Sprich nicht von Normalos! Sind wir „abnormal“, nur weil dein Gehirn und meine Augen nicht 100%ig funktionieren??“

„Aber viele Nichtbehinderte sehen sich doch als Normalos an!“

Ich konnte nichts entgegenhalten. Genauso wenig wie ich etwas dagegen tun konnte, dass meine Augen feucht wurden. Jede Pause musterten meine Mitschüler mich oder schossen Wortpfeile auf mich ab – am liebsten, indem sie mich „Oma“ nannten. Ich kniff meine Augen hinter den Aschenbecher dicken Gläsern zusammen, sonst sah alles um mich herum aus, als blicke man durch eine Milchglasscheibe. Claus-Stephan tat mir natürlich Leid, aber was sollte ich denn tun? Eine große Stütze konnte ich ihm nicht sein. Als Leidensgenossen kämpften wir zwar beide um Akzeptanz und menschliche Behandlung, doch der Unterschied unserer Schicksale und dass er deutlich älter war, hemmte mich. Wie sollte ich denn einem 34-jährigen gut zureden? Ich konnte nicht mit so Sprüchen wie „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“ dahergekommen. Solche Sprüche hörte ich selbst nicht gerne!

„Wenn du anders bist, bist du immer irgendwie das schwarze Schaf, auf dem herumgetreten wird wie auf einer Fußmatte.“

„Ich schiele von Geburt an und bin stark kurzsichtig?“, bemerkte ich kühl.

„Also, ich finde, dass du eine ausgesprochen gut aussehende junge Frau bist!“

Die Röte stieg mir ins Gesicht.

„Dass mich viele nicht akzeptieren, ist übrigens gar nicht mal das Hauptproblem“, hörte ich ihn sagen...

***

„Also, ich kann es verstehen, dass man diesen Claus-Stephan in dem anderen Schachverein hinausgeworfen hat. Das ist der Jammerlappen schlechthin – und dass du dann noch mit ihm gemeinsames Wundenlecken praktiziert hast!“, meinte meine Freundin.

„Eine andere Reaktion war von dir nicht zu erwarten. Wie kannst du bloß so herablassend über einen behinderten Menschen sprechen?“

„Du bist immer viel zu hilfsbereit und sozial. Lass doch solche Gesellschaftskrüppel nicht immer so an dich heran. Die suchen doch nur jemanden, bei dem sie sich ausheulen und Mitleid wecken können. Am besten in weiblicher Form! Anstatt nun mal einen Therapeuten aufzusuchen.“

„Claus-Stephan hat mir erzählt, er habe Probleme mit dem anderen Geschlecht.“

„Also, ein Krüppel auf ganzer Linie.“

„Meinst du, er findet es toll, erfahrungslos zu sein?“

„Wundert dich das? Wer würde sich denn auf so einen Krüppel freiwillig einlassen?“

Wenn sie sich über Claus-Stephan schon so ausließ, war es für mich naheliegend, dass sie auch über mich so dachte.

Meine Gedanken drehten sich um Claus-Stephan. Unser Gespräch hatte mir so viel gegeben. Dass da jemand war, der genauso fühlte und dachte wie ich, der auch regelmäßig auf die Ablehnung bestimmter Teile der Gesellschaft stieß, der sich genau wie ich einfach nach ein wenig Anerkennung, vielleicht sogar Liebe sehnte. Sich einen Partner und Freunde zu wünschen war schließlich legitim.

Ich ließ die nun ehemalige Freundin stehen.

***

Es dauerte ein paar Monate, bis ich Claus-Stephan wiedersah. Er habe familiäre Probleme gehabt, wie er mir erklärte.

„Ich mache beim Schach kaum Fortschritte“, ärgerte er sich, nachdem ich ihn zum vierten mal besiegt hatte.

Wie beim letzten gemeinsamen Vereinsabend versuchte ich ihm zu erklären, dass es seine Zeit brauche, bis man gut Schach spiele, doch Claus-Stephan wollte nicht vom normalen Schachspieler ausgehen. Für ihn war sein eigenes System entscheidend und darum sei es eben schlecht bestellt, wie er es ausdrückte.

Die letzten Wochen hatte ich mir meist mit Nachdenken ausgefüllt. Ich hatte durchaus das Recht, ihm Ratschläge zu geben! Sie kamen von Herzen - von einem Menschen, der wusste, was er durchmachte. Inwieweit er diese an nahm, blieb ihm überlassen, aber ich hatte keine Hemmung mehr, ihn zu trösten.

„Deine Schwäche schließt nicht aus, dass du irgendwann gut Schach spielen kannst.“

„Wünschst du dir manchmal, normal zu sein?“

Ich zögerte mit meiner Antwort nicht: „Nein.“

„Nein?“

„Nein. Wozu mir wünschen jemand zu sein, der ich längst bin?“

Er öffnete den Mund, doch beließ es dabei.

„Ich habe übrigens die Schule gewechselt“, erzählte ich ihm.

„Scheint dir gut zu tun!“

***
„Claus-Stephan Behrend“, meinte der Fremde hinter uns.

Totenblässe trat Claus-Stephan ins Gesicht und seine Glieder spannten sich an.

Ich furchte die Augenbrauen.

„Na, hast du dir wieder mal ein Opfer zum Ausheulen gesucht?“ Er gehörte offensichtlich dem Kaltenkirchener Schachverein an.

Ich drehte mich um und blickte in das Gesicht eines yuppiehaften Mittvierzigers.
„Wer sagt, dass er aktiv war? Vielleicht habe ich mir ja auch ein Opfer gesucht, das sich bei mir ausheult?“

Claus-Stephan hatte Recht – die neue Schule mit den netteren Mitschülern tat mir gut!

„Immer dieses Gejammer von den Behinderten. Die angebliche Schlechtheit der Gesellschaft, keiner akzeptiere sie – und dann immer dieses Gerede vom Normal- und Anderssein. Behinderte sind nun mal anders – isso!“

„Ich hatte mal geglaubt, wir wären alle ein wenig anders“, ironisierte ich.

Claus-Stephan stellte sich neben mich. Er konnte dem Fremden, aus welchen Gründen auch immer, kaum ins Gesicht sehen.

„Dann ist der Unterschied vom Behinderten zum normalen Menschen halt größer.“
Ich musterte ihn augenscheinlich. „Ist was?“

„Tragen Sie immer einen Anzug?“

„Ja, denn es geht doch nichts über stilvolles Auftreten.“

„Sehen Sie. Auch Sie sind anders – denn der Freizeitlook der Masse sieht doch anders aus.“

„Aber ich bin deshalb noch lange nicht abnormal.“

Im Blickwinkel sah ich Claus-Stephan, der gehemmt da stand. Die verbalen Entgleisungen, die sich der Fremde in der Vergangenheit erlaubt hatte, schienen in tief verletzt zu haben.

„Aber Behinderte sind es Ihrer unmaßgeblichen Meinung nach?“

„Es gibt wohl einen körperlichen oder einen geistigen Unterschied von einem Behinderten zu einem Nichtbehinderten. Wenn man nach der Norm geht, liegt es auf der Hand, dass der Behinderte eben abweicht.“

„Nur wenn er sich von seiner Behinderung behindern lässt“, schaltete sich Claus-Stephan ein.

„Eben“, sagte ich ungläubig und zugleich stolz, „Wenn man Sie nimmt und von der Norm ausgeht, dass die meisten Menschen ihre Freizeitkleidung anders wählen, gehören Sie auch einer Minderheit an, die man abnormal nennen könnte.“

„Eine Unverschämtheit ist das“, fuhr er mich an und stampfte aus dem Vereinshaus.

„Nein, nur eine andere Sichtweise“, flüsterte Claus-Stephan und legte seine Hand auf meine Schulter.

Ich lächelte. „Wir bleiben bei unserem neu gewonnen Selbstbewusstsein, ja?“ 

„Nathalie, es sollte mehr Menschen geben wie dich.“

Ich senkten den Kopf und errötete.

Als ich ihn wieder ansah, zwinkerte er mir zu und da wusste ich, dass uns etwas sehr tiefes Verband.

Zunächst blickten wir beide noch durch eine Milchglasscheibe, die sich im Verlaufe der Zeit allerdings lichtete.

„Wie kannst du in mich verliebt sein – ich bin weder intelligent, noch gebildet“, wunderte Claus-Stephan sich, als ich ihm gestand, wie viel er mir bedeute.

„Du bist ein Mensch!“, strahlte ich...


[Author unbekannt]

ritorno

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #41 am: 26. November 2010, 13:27:09 »
Der Mensch im Spiegel

Wenn Du wieder einmal alles erreicht hast, was Du wolltest, Dir jeder anerkennend Lob und Beifall zollt und die Welt Dich für einen Tag zum Gewinner macht, dann stelle Dich vor einen Spiegel, schau hinein und höre, was der Mensch im Spiegel Dir zu sagen hat.

Es ist weder Dein Vater noch Deine Mutter, weder Deine Frau noch Dein Mann oder Partner, es sind auch nicht Deine Freunde, vor deren Urteil Du bestehen musst. Der einzige Mensch, dessen Meinung für Dich zählt, ist der, der Dich aus dem Spiegel anschaut.

Viele Menschen halten Dich für entschlossen und aufrecht. Sie nennen Dich einen wundervollen Mann oder eine phantastische Frau, doch der Mensch im Spiegel nennt Dich schlicht einen Versager, wenn Du ihm nicht ehrlich und offen in die Augen sehen kannst.

Auf ihn und nur allein auf ihn kommt es an. Kümmere Dich nicht um die anderen, denn nur er ist bis ans Ende Deiner Tage stets bei Dir. Du hast erst dann die schwierigsten aller Prüfungen wirklich bestanden, wenn der Mensch im Spiegel Dein bester Freund geworden ist.

Auf Deinem ganzen Lebensweg kannst Du die Welt betrügen und belügen und Dir anerkennend auf die Schulter klopfen lassen, doch Dein Lohn werden Kummer, Trauer und Schuldgefühle sein, wenn Du den Menschen im Spiegel betrogen, belogen, enttäuscht hast.


[Author unbekannt]

ritorno

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #42 am: 28. November 2010, 17:07:00 »
Viele Menschen benutzen Geld, dass sie nicht haben, für den Einkauf von Dingen, die sie nicht brauchen,
um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen.


Walter Slezak

ritorno

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #43 am: 28. November 2010, 17:11:22 »
Allein sein zu müssen ist das Schwerste, allein sein zu können das Schönste.

Hans Krailsheimer

ritorno

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Re: Gedanken - Nachdenkliches & Lustiges
« Antwort #44 am: 28. November 2010, 17:12:52 »
Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man zu ihm Vertrauen hat.

Matthias Claudius, 15.08.1740 - 21.01.1815
dt. Dichter, Journalist und Lyriker